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Southern California SCHOOL OF THEOLOGCY Claremönt, California
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Paulus.
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Paulus.
Eine kultur- und religionsgeschichtliche Skizze.
Von D. Adolf Deissmann
ord. Professor an der Universität Berlin,
Mit je einer Tafel in Lichtdruck und Autotypie sowie einer Karte: Die Welt des Apostels Paulus.
5
53]
TÜBINGEN Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1911.
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SCHOOL OF THEOLOSIYP AT CGLAREMONT | Califomia
Copyright 1911 by Adolf Deissmann, Berlin-Wilmersdorf.
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten.
Adolf Harnack
dem Sechzigjährigen
ehrerbietigst zugeeignet.
Vorwort.
Ein anatolischer und ein antiker Paulus, ein homo novus, der aus der Masse der Vielen und Kleinen herauswächst und, von keinem Literaten der heidnischen Umwelt beachtet, zur welt- historischen Führerpersönlichkeit bestimmt ist, ein homo reli- giosus, der ein Klassiker der Mystik ist und der nüchternste Praktiker zugleich, ein Prophet und Grübler, der, in Christus der Welt gekreuzigt, als Weltbürger und Weltwanderer un- sterblich ist und als Weltbildner wirkt bis auf den heutigen Tag, — nach dieses Menschen Umrissen habe ich getastet. Ich hatte nach langjährigem Studium der Paulusdokumente und ihrer modernen Erforscher das hohe Glück erlebt, daß zu den alten und dankbar verehrten heimatlichen Lehrern eine neue Lehr- meisterin hinzutrat, ganz und gar nicht akademisch und ganz ohne Papier und Paragraphen, die alles, was sie lehrt, in Frei- licht und Freiluft mit gütiger Hand spendet: die Welt des Siidens und Ostens, die Welt des Paulus. Dem Abendländer, der sich ihr mit Ehrfurcht naht, erzählt diese Meisterin gerne unter dem Ölbaum von ihrem großen Sohne, in mütterlicher Freude.
Auf zwei Orientreisen durfte ich 1906 und 1909 den lange gehegten Plan ausführen, die Schauplätze des Urevangeliums und der Lebensarbeit des Apostels Paulus mit eigenen Augen zu schauen. Wenn ich von ganz geringen Ausnahmen absehen darf, so habe ich sämtliche in der Urgeschichte des Christentums bedeutsamen Orte besucht und glaube sagen zu dürfen, daß ich insbesondere von der Struktur der paulinischen Welt einen Gesamteindruck erhalten habe, dessen Wirkung und Wert sich
vl Vorwort,
mir persönlich von Jahr zu Jahr gesteigert hat. Es hat wenig
Zweck, lange Worte darüber zu machen; was solchen Studien- fahrten verdankt wird, kann ja doch nur durchs Experiment festgestellt werden. Wer als Nichtausgelernter reist und jeden Kulturdünkel zu Hause läßt, lernt vor allem plastisches Schauen und das Sehen aus dem rechten Abstand. Er merkt, was Licht und Schatten ist und was Höhen und Tiefen bedeuten. Der Sinn für das Einfache und das Wildwachsende, das Unausge- glichene und Unstilisierte schärft sich; Schichtung und Gliederung werden zu wundervollen Problemen, die Kontraste vollends zwischen modern-abendländischer Buchkultur und unliterarischer antik-anatolischer Kultur werden greifbar. Unser peinliches Studierstubenerbteil dagegen, der ebenso unerbittliche wie welt- fremde und dabei doch anmaßende mikroskopische Scharfsinn, der mit dem hölzernen Lineal gerade Linien und mit der eisernen Schere scharfe Schnitte macht, erleidet Einbußen, und selbst der Doktor Bahrdt würde, nach Gießen zurückgekehrt, nicht mehr zu den Vier Evangelisten sagen:
So müßt ihr werden, wie unser einer, Geputzt, gestutzt, glatt — ’s gilt sonst keiner.
Fasse ich die Wirkung meiner Fahrten auf mich selbst zusammen, so kann ich bekennen, daß die guten Keime des historischen Paulusverständnisses, die ich meinen Lehrern und meinen Studien verdankte, auf dem Acker des Apostels selbst und unter seiner Sonne ein neues Wachstum erfahren haben, daß dagegen viele im Schatten der Schulmauern gewucherten Triebe unter derselben Sonne verdorrt sind. Keinen Augenblick habe ich bei alledem die »Enttäuschung« erlebt, die nachgerade eine Phrase des Touristenfeuilletons geworden ist: dasNeue Testament und die Propheten, deren Seelen in dem heiligen Buche schwingen, sind mir noch größer geworden als zuvor.
Neben den zum Abendländer und Scholastiker gemachten
Paulus, neben den aristokratisierten, stilisierten und moderni- sierten Paulus, der in dem papierenen Kerker des »Paulinismus« in seiner achten Gefangenschaft schmachtet, sei denn der Paulus gestellt, den ich in Tarsus, Jerusalem und Damaskus, in Anti- ochien, Lykaonien, Galatien, Ephesus und Korinth glaube ge-
Vorwort. vn
sehen zu haben, und dessen Worte mir auf dem nächtlichen Deck der Levanteschiffe und unter. dem Flügelrauschen der dem Taurus zubrausenden Wandervögel lebendig geworden sind in ihrer leidenschaftlichen Bewegtheit, ihrer volkstümlichen Wucht und prophetischen Tiefe: der Jude, der in den Tagen der Cäsaren die Luft des Mittelmeers geatmet und das selbst- verdiente Brot des Handarbeiters gegessen hat; der Missionar, dessen schwerer Schatten auf das in grellster Mittagsglut flim- mernde Marmorpflaster der antiken Großstadt gefallen ist; der Christusmystiker, der, soweit er überhaupt historisch erfaßt werden kann, jedenfalls nicht als menschgewordenes System, sondern bloß in der lebendigen, jeder Parzellierung spottenden Fülle innerer Polaritäten begriffen wird, jener Spannungen, wie er sie selbst einmal den Heiligen von Philippi andeutete!:
So schwebe ich denn in zwiespältigser Bedrängnis.
- Zu einer mir wichtigen und im folgenden stark betonten Auffassung sei noch ein kurzes Wort gestattet. Ich begreife die Gesamtentwicklung des jungen Christentums, die ADoLF HARNAcK kürzlich unter dem Kennwort des »doppelten Evan- geliums« (des Evangeliums Jesu und des Evangeliums von Jesus dem Christ) betrachtet hat, als den Fortschritt vom Evan- gelium Jesu zum Jesus-Christus-Kult, der seinerseits am Evan- gelium Jesu und an der Christusmystik genährt und orientiert ist. Diese Betrachtung der apostolischen Frömmigkeit als einer Kultfrömmigkeit (die aber mit Kultusfrömmigkeit durchaus nicht verwechselt sein will) scheint mir vom allgemeinsten historischen Standpunkte aus dem Wesen des Urchristentums gerechter zu werden, als jene andere Formulierung, die das Mißverständnis einer hauptsächlich lehrhaften Entwicklung des Urchristentums nicht völlig ausschließt. Die Entwicklung zum Jesus-Christus- Kult hin habe ich aber nicht, wie WıLLıam BENJAMIN SMITH? an- zunehmen scheint, erst »neuerdings« (das heißt wohl nach seinem »Vorchristlichen Jesus«) betont, sondern schon seit vielen Jahren, auch literarisch vor dem Erscheinen des Smituschen Werkes, dessen Hypothesen und Thesen mir übrigens nicht einleuchten.
1 Phil 123 ovv&youaı &x Tov dvo. 2 Der Vorchristliche Jesus, 2. Auflage, Jena 1911 S. XXVI.
VIII Vorwort.
Die" Grundlage meiner Skizze sind acht Vorlesungen, die ich auf Einladung der Olaus-Petri-Stiftung im März 1910 in der Universität Upsala deutsch gehalten habe und die schwedisch alsbald auch veröffentlicht sind!. Für die deutsche Ausgabe ist der Text neu durchgearbeitet und stark erweitert worden, ohne daß der Charakter des Ganzen als einer »Skizze« auf- gegeben wäre; aus diesem Grunde ist auch eine Zwiesprache mit der neueren Paulusliteratur, der ich bei großem Dissensus viel verdanke, unterblieben.
Bei der Korrektur haben mir mein Mitarbeiter Lic. OTTO ScHMiItz-Berlin und mein Reisegefährte Dr. WILHELM WEBER-Heidel- berg freundschaftliche Dienste geleistet, beim Index Herr Vikar ALFRED KELLNER-Wilmersdorf. In einigen Bogen scheinen beim Reindruck hier und da Buchstaben, Punkte, Akzente und Spiri- tus abgesprungen zu sein; das bedauere ich sehr, bin aber nicht dafür verantwortlich. Die S. X notierten Berichtigungen bitte ich vor dem Gebrauch des Buches gütigst zu beachten, besonders zu 8. 166.
Über die von mir entworfene und dem Buche beigegebene Karte »Die Welt des Apostels Paulus« findet man das Nähere im Buche und auf der Karte selbst vermerkt.
! Paulus. En kultur- och religionshistorisk skiss, Stockholm 1910. Bruchstücke _
der deutschen Vorlage erschienen auf Wunsch des Herausgebers in der Internatio- nalen Wochenschrift 1910 und 1911.
Berlin-Wilmersdorf, den 19. Juli 1911.
Adolf Deissmann.
N SA ET PIERRE EEE 2
Inhalt.
1. Die Aufgabe und die Quellen
2. En des Paulus .
3. De ensch Paulus
4. Der Jude Paulus
5. Der Christ Paulus. Der urapostolische Jesuskult. Die _Bekehrung des Paulus. Das pneu- matische Christuserlebnis des Paulus .
6 Der Christ Paulus. Der Gottesglaube in Christus als das Heilserlebnis. Seine Einheit und die Mannigfaltigkeit seiner Ausdrucksformen
7. Der Christ Paulus. Christuskontemplation. Die Christusliebe. Die Christushoffnung
8. Der Apostel Paulus . . . . 9. Paulus in der Weltgeschichte dee Religion” Beilagen . . .
1. Der Prokansalat © L Tann Galio. Eine epigraphische Studie zur absoluten Chronologie des Paulus. Hierzu die Tafel in Lichtdruck vor dem Titelblatt . . . . RR ER E ER Re. dee
2. Zum Altar des unbekannten Aonee, Hierzu zwei Autotypieen .
3. Erläuterungen zu der Karte »Die Welt des Apostels Paulus<.
Indices 5 SE
1. Orte, Sachen
2. Griechische Wörter
3. Stellen
Seite
19 39 59
78
93,
110 130 153 157
159 178 182 186 186 196 196
‚Berichtigungen.
S. 64 Z.18 v. u. Schluß ist in einigen Exemplaren das Wort »er« 8.91 Z. 16. v. o, statt »es« lies »ihn«, S.100 Z.8 v. u. sind die Anmerkungsziffern versetzt. Das Richtige ist: BEN 3Röm 66 usw. 4Gal 41 usw. Dre: 8.107 Z.2 v. u. statt 2 Tim 411 lies 2 Tim 211. 8.138 Z. 18. v. u. lies Gennesareth. ; S.160 Z.5 v. u. statt 2 Thess 33 lies 2 Thess 32. =
% Die Aufgabe und die Quellen.
In zwei Namen ist die Urgeschichte des Christentums ent- halten, in den Namen Jesus und Paulus.
Jesus und Paulus, diese beiden Gestalten stehen freilich nicht nebeneinander wie der Erste und der Zweite. Vom all- gemeinsten historischen Standpunkte aus erscheint Jesus als der Eine, und Paulus als der Erste nach dem Einen, oder — paulinischer gesprochen — als der Erste in dem Einen.
Die lebendige Kraft des Ichbewußtseins Jesu ist es, von der jene seelische Bewegung ausgeht, die durch die Jahr- tausende hindurch in der Menschheit arbeitet bis auf den heu- tigen Tag. Dieses Ichbewußtsein ruht in sich selbst; Himmel und Erde verbindend, steht Jesus zwar in der Geschichte, aber in einsamer Erhabenheit und Wucht.
Paulus bedarf des Fundaments. Was Paulus ist, ist er in Christust.
Aber vergleicht dann Paulus mit den anderen. Dann ist Paulus die geistige Großmacht des apostolischen Zeitalters: er hat mehr gearbeitet?, und nicht nur mehr gearbeitet, sondern auch mehr geschaffen als alle anderen.
Darum treten die anderen hinter ihm zurück, und darum sieht der Historiker, wenn er die Anfänge des Christentums überschaut, nach Jesus als Ersten Paulus.
Weithin sichtbar, aber nicht einfach erfaßbar ist der Forschung die historische Persönlichkeit Jesu; der persönliche Abstand ist zu gewaltig, und die evangelischen Hieroglyphen sind nicht alle entziffert.
1 Phil 413. 2 1 Kor 1510. Deissmann Paulus. 1
2 Jesus u. Paulus. Paulus u. die anderen. Der papierene Paulus.
Näher steht uns und leichter zugänglich ist uns. die Gestalt des Paulus.
Zwar auch Paulus gilt heute vielen als eine düstere Größe. Aber die Dunkelheit rührt zum guten Teile von den schlechten Lampen unserer Arbeitsräume her, und die modernen Verur- teilungen des Apostels als des Finsterlings, der das einfache Evangelium des Nazareners verdorben habe durch harte und schwere Dogmen, sind der Niederschlag der doktrinären Paulus- forschung, zumeist in den müden Gehirnen begabter Dilet- tanten.
Stellen wir jedoch den Mann von Tarsus in das Sonnenlicht seiner anatolischen Heimat und in die klare Luft der antiken Mittelmeerwelt, zu den einfachen Menschen seiner sozialen Schicht, so wird, was wie ein Heft verblaßter und verwischter Bleistiftskizzen unser Auge schmerzte, mit einem Male plastisch, in Licht und Schatten lebendig wie ein gewaltiges Relief aus alter Zeit.
Nicht, als könnten wir dieses Relief völlig wiederherstellen. Wir werden nur Fragmente gewinnen, aber es werden bedeu- tende Fragmente sein, wesentliche Fragmente, aus denen wir die Maße und die Linien des Ganzen wenigstens hypothetisch wiedererhalten können, wenn wir gelernt haben, Fragmente nicht als Trümmer zu betrachten, sondern als Glieder.
Das ist recht eigentlich die Aufgabe der modernen Paulus- forschung, von dem papierenen Paulus unserer abendländischen Studierstuben, von dem germanisierten, dogmatisierten, moderni- sierten Paulus zu dem historischen Paulus zurückzukommen, durch den »Paulinismus« unserer Neutestamentlichen Theologieen zum Paulus der antiken Wirklichkeit hindurchzudringen.
Die Paulusforschung des neunzehnten Jahrhunderts, durch die Gründlichkeit ihrer Arbeit und die Größe ihrer Produktion eine der imposantesten Leistungen der Religionswissenschaft, ist, als Ganzes betrachtet, aufs stärkste bewegt von dem Interesse an dem »Theologen« Paulus und an der »Theologie« des Paulus. Neben der ungeheuren Diskussion über die literarischen Fragen, speziell über die Echtheitsfrage der Paulusbriefe und das Ver- hältnis der Apostelgeschichte zu den Paulusbriefen, ist es ganz besonders das sogenannte »System der paulinischen Theologie«s
Die Aufgabe d. modernen Paulusforschung. Die doktrinäre Paulinismusforschung. 3
oder der »Paulinismus« gewesen, denen das heiße Ringen dreier Generationen gegolten hat!.
Aber mit diesem doktrinären Interesse ist die Paulusfor- schung je länger je mehr auf Abwege gekommen. Sie hat ein Moment, das bei Paulus ja gewiß nicht fehlt, aber keinesfalls das historisch charakteristische ist, das Moment der theologischen Reflexion, in den Vordergrund gestellt und das eigentlich Charak- teristische des Mannes, die prophetische Kraft seines religiösen Erlebens und die Energie seiner praktischen Frömmigkeit, nur zu oft unterschätzt. Ein großes ungelöstes Rätsel hat die doktri- näre Paulusforschung zudem hinterlassen: die offene Frage, inwiefern dem von ihr ermittelten »Paulinismus« jene Lebens- kräfte innewohnten, die missionierend, weil hinreißend auf ein- fache Menschen der antiken Mittelmeerwelt wirken mußten. Ich fürchte, die Leute von Ikonium, Thessalonich, Korinth hätte sämtlich das Schicksal des Eutychus von Troas? ereilt, wenn sie die christologischen, hamartiologischen, eschatologischen Para- graphen des modernen »Paulinismus« hätten anhören müssen.
Mit seinem Besten gehört Paulus nicht in die Theologie, sondern in die Religion.
Zwar Paulus ist Schüler von Theologen gewesen und hat theologische Methoden handhaben gelernt; ja er handhabt sie auch als christlicher Missionar. Aber deshalb darf man den Zeltmacher von Tarsus doch nicht zu Origenes, Thomas und Schleiermacher stellen; er gehört zu dem Hirten von Thekoa
i Eine bedeutsame wissenschaftliche Parallele zur doktrinären Paulusforschung ist die doktrinäre Platoforschung des 19. Jahrhunderts, vgl. PAUL WENDLANnD Die Aufgaben der platonischen Forschung, Nachrichten der K. Gesellschaft der Wissen- schaften zu Göttingen, Geschäftliche Mitteilungen 1910, 2. Heft: »Man darf jetzt zuversichtlich sagen, daß die zusammenfässende Darstellung des Systems, mag sie auch aus didaktischen Rücksichten unentbehrlich sein, rein wissenschaftlich betrachtet, eine falsch gestellte und darum unlösbare Aufgabe ist« (S.97)..... »Ein System läßt sich mit Sicherheit nur herausarbeiten bei Denkern, die die Form der syste- matischen Lehrschrift angewandt haben. Dieselbe Aufgabe muß scheitern, oder sie ist doch nur annähernd lösbar bei Platon, Paulus, Luther (S. 982), Goethe, deren Schriften gar nicht auf systematische Darstellung angelegt sind« (S. 99). Es folgt dann eine Polemik gegen ZELLERS Platobild.
2 AGesch 209ff. Der treffliche Eutychus, das warnende Beispiel für alle Kirchenschläfer, ist gewiß einer der ganz wenigen Menschen gewesen, die es fertig- brachten, in Gegenwart des Paulus zu schlafen.
1*
4 Der Heros der Frömmigkeit. Die Quellen im weiteren u. engeren Sinn.
und dem Bandwirker von Mülheim. Paulus der Theolog blickt rückwärts in den Rabbinismus. Vorwärts, in eine welthistorische Zukunft, schaut Paulus als religiöser Genius.
Paulus ist seinem Wesen nach in erster Linie ein Heros der Frömmigkeit. Das Theologische ist das Sekundäre. Das Naive ist bei ihm stärker als das Reflektierte, das Mystische stärker als das Dogmatische; Christus bedeutet ihm mehr als die Christologie, Gott mehr als die Lehre von Gott. Er ist weit mehr Beter und Zeuge, Bekenner und Prophet, als gelehrter Exeget und grübelnder Dogmatiker.
Zu zeigen, daß dies so ist, betrachte ich als die Aufgabe dieser Skizze, bei der es sich nicht um eine Vertiefung in die mannigfachen Probleme der äußeren Biographie des Paulus handeln kann, und in der speziell die Besprechung der chrono- logischen! und literarkritischen Fragen ganz zurücktreten muß hinter der Hauptaufgabe der kultur- und religionshistorischen Charakteristik.}
Für die so gestellte Aufgabe erscheint die Quellenfrage zunächst als eine relativ einfache.
Im weiteren Sinne des Wortes sind Quellen für die kultur- und religionsgeschichtliche Charakteristik des Paulus die Doku- mente der antiken Mittelmeerwelt im Zeitalter der Religions- wende, insbesondere die durch die neueren epigraphischen und papyrologischen Entdeckungen in so reicher Fülle uns wieder- geschenkten Selbstzeugnisse der mittleren und unteren Schich- ten?2, der sozialen Umgebung des Paulus.
Quellen im engeren Sinne sind dann die urchristlichen Texte, insbesondere die originalen Paulusbriefe, neben ihnen die Apostelgeschichte des Lukas, aber auch alles andere, wo- rauf etwa Reflexe der Persönlichkeit des Paulus liegen; ich denke hauptsächlich an die johanneischen Schriften, in denen warm und lebendig der Blutstrom paulinischer Christusfrömmig- keit pulsiert: Johannes ist der älteste und der größte Interpret des Paulus.
! Nur ein chronologisches Grundproblem ist in den Beilagen behandelt. 2 Vgl. mein Buch »Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt«, 2. und 3. Aufl., Tübingen 1909.
Der eirculus vitiosus der Forschung. Der Literaturbrief u. der wirkliche Brief. 5
Kompliziert geworden ist die Quellenfrage, soweit sie sich speziell auf die von Paulus hinterlassenen Briefe bezieht, nicht von sich aus, sondern durch einen genialen circulus vitiosus, in dem sich die Paulusforschung oft bewegt hat. Weil man die Persönlichkeit des Paulus aus dem Naiven ins Reflektierte, aus dem Religiösen ins Theologische hinaufhob, hat man auch seine Briefe aus dem Unliterarischen ins Literarische versetzt, und mit Hilfe dieser literarisierten Briefe hat man dann wieder den Apostel als Mann der Literatur und als Dogmatiker darzu- stellen gesucht.
Die Paulusbriefe teilen also mit ihrem Schreiber dasSchicksal, recht oft falsch beurteilt worden zu sein. Ich meine nicht exe- getische Mißgriffe im einzelnen, sondern eine Verkennung im ganzen. Man hat ihre intime Eigenart, ihre Seele mißverstanden. Als Abhandlungen, als Flugschriften in Briefform, jedenfalls als literarische Leistungen hat man sie betrachtet, als die theolo- gischen Werke des urchristlichen Dogmatikers.
Dieses folgenschwere Mißverständnis, das die Paulusbriefe entwurzelt undins Herbarium legt,wird einigermaßen durch die Tat- sache entschuldigt, daß das Zeitalter des Paulus in den Regionen der literarischen Kultur den Brief als Form der schriftstelleri- schen Produktion wirklich angewandt hat!. Der Literaturbrief, den wir zur Unterscheidung von dem wirklichen Briefe mit dem technischen Ausdruck »Epistel« benennen wollen, war im ganzen späteren Altertume eine der beliebtesten Formen der literarischen Kunst. Wir finden die Epistel bei Griechen und Römern nicht nur, sondern auch bei den hellenistischen Juden, wie sie ja auch nachmals von den christlichen Literaten der alten Kirche gern gebraucht wurde und bis heute in unseren modernen Literaturen eine große Rolle spielt. Aber sie ist ihrer innersten Eigenart nach etwas anderes als der Brief, und wenn wir den Paulusbriefen historisch gerecht werden wollen, so müssen wir sie als unliterarische Briefe in ihrem Unterschiede von den lite- rarischen Episteln zu begreifen suchen.
2 Zum Folgenden vgl. die Abhandlung »Prolegomena zu den biblischen Briefen und Episteln« in meinen (demnächst in neuer Auflage erscheinenden) Bibelstudien, Marburg 1895.
6 Brief und Epistel.
Was ist ein Brief? Und was ist eine Epistel?
Der Brief dient der Zwiesprache getrennter Menschen. Er ist ein Ich, das zu einem Du spricht. Individuell und persönlich, nur für den Adressaten oder die Adressaten bestimmt, ıst er auf die Öffentlichkeit nicht berechnet, ja durch Sitte und Recht vor der Öffentlichkeit als Geheimnis geschützt. Der wirkliche Brief ist unliterarisch, wie eine Quittung oder ein Mietvertrag. Er geht nur den an, derihn geschrieben hat, und den, der ihn öffnen soll, und es ist dabei unwesentlich, ob als der Adressat eine Einzelperson oder eine Familie oder sonst ein Personen- kreis gedacht ist. Sein Inhalt ist so mannigfach wie das Leben selbst. Der Brief kann kleinlich, gemein, leidenschaftlich, gütig, trivial, langweilig sein, und er kann ein Menschenschicksal oder eine Familientragödie wiederspiegeln, bergehoch und ab- grundtief die Seelen des Schreibers und des Empfängers be- wegend.
Anders ist die Epistel. Sie ist eine literarische Kunstform, wie das Drama, das Epigramm, der Dialog. Die Epistel teilt mit dem Briefe nur die äußere briefliche Form; im übrigen ist sie das Gegenteil des wirklichen Briefes. Sie will eine Öffent- lichkeit oder gar die Öffentlichkeit interessieren und beein- flussen. Ihrem Wesen nach publizistisch, bedient sie sich des Persönlichen nur, um die Illusion des Briefes zu wahren. Ist der Brief ein Geheimnis, so ist die Epistel Marktware. Nicht auf einem einzigen Papyrusblatt geht sie in die Fremde wie der Brief, jsondern von vornherein wird sie von den Sklaven des großstädtischen Bücherhändlers vervielfältigt; sie soll in Alexandrien, in Ephesus, Athen, Rom gekauft, gelesen und be- sprochen werden.
So unterscheidet sich die Epistel von dem Brief wie das historische Drama von einem Stück wirklicher Historie oder wie ein platonischer Dialog von der vertrauten Zwiesprache, oder wie die konventionelle Heiligenbiographie von den Er- zählungen, in denen Augenzeugen ihren Glaubensgenossen das Martyrium in stockender Erregung mündlich schildern. Mit einem Wort, Epistel und Brief unterscheiden sich wie Kunst und Natur, wie das Stilisierte und das Gewachsene, wie das Reflektierte und das Naive.
Mittelgattungen. Antike Originalbriefe und Literaturepisteln. 7
Freilich, es gibt in der Mitte zwischen Brief und Epistel auch schillernde Spielarten, briefliche Episteln und epistolische Briefe, das heißt naiv hingeworfene frische Episteln und un- natürliche, gequälte Briefe ohne Naivetät und Ursprünglichkeit. Aber durch diese Mittelgattungen wird die Tatsache und die Wichtigkeit des Unterschiedes zwischen Brief und Epistel nicht beseitigt. Und die Frage bleibt insbesondere zu erledigen: zu welcher von beiden Gruppen sind die Paulusbriefe zu stellen?
Ein reiches Vergleichungsmaterial bietet sich uns hier aus der antiken Welt dar. Wirkliche, unliterarische Briefe sind uns z.B. von Epikur und Cicero erhalten, aber auch in Hunderten von Originalbriefen unbekannter Ägypter und Ägypterinnen der hellenistisch-römischen Zeit haben wir auf Papyrus und Tonscherben private Briefe in der Urschrift vor uns!, deren Brieflichkeit ohne weiteres auf der Hand liegt, und deren for- male Eigenart in Adresse, Präskript, religiösen Eingangswünschen, Grußformeln und anderen brieflichen Einzelheiten ganz neue Einblicke in den antiken Brief ermöglicht hat.
Andererseits haben wir zahlreiche Literaturbriefe in den Prosaepisteln z. B. des Lysias, Aristoteles, Seneca, wie auch in den poetischen Episteln des Horaz und Ovid, und es ist für unser Quellenproblem von besonderer Wichtigkeit, daß schon vor Paulus die Epistelform auch in die Literatur des hellenistischen Judentums eingedrungen jwar, wie die Beispiele der die Ent- stehung der Septuaginta behandelnden Aristeas-Epistel und einer als »Jeremias«-Epistel sich gebenden Flugschrift gegen den Götzendienst zeigen.
Es wäre danach an sich gar nicht unmöglich, daß auch Paulus Episteln verfaßt hätte und den Männern der Literatur beizugesellen wäre, — um so mehr, als im Neuen Testament neben den Paulusbriefen andere brieflich aussehende Texte stehen, die zweifellos als Literaturepisteln anzusprechen sind, am deutlichsten vielleicht die Jakobusepistel.
Dennoch kann, wenn man überhaupt die Tragweite jener
1 Vgl. die Auswahl Licht vom Osten S. 103—163 und .die dort S. 103 gegebene Literatur, zu der noch hinzukommt GEORGE MiLLIGAn Selections from the Greek Papyri, Cambridge 1910, i
8 Der unliterarische Charakter der Paulusbriefe.
Unterscheidung zwischen. unliterarischer und literarischer Pro- duktion erkennt und anerkennt, an der unliterarischen Brief- lichkeit der Paulusbriefe nicht gezweifelt werden. Schon durch die Vergleichung der Formalien der Paulusbriefe mit den ent- sprechenden Einzelheiten der gleichzeitigen Papyrusbriefe wird uns der unliterarische Charakter der paulinischen Texte deut- lich. Ganz besonders aber bei einer genauen Interpretation der Briefe selbst sieht man, bei dem einen deutlicher, bei dem an- deren nicht gleich so frappant, aber zuletzt doch auch unver- kennbar, daß diese Texte aus einer bestimmten, unwiederholbaren brieflichen Situation herausgeboren sind und, bloß auf diese Einzelsituation berechnet, nicht Produkte der literarischen Kunst, sondern des realen Lebens sind, Dokumente der urapostolischen vertrauten Seelsorge von Mensch zu Mensch, Reliquien der Missionsarbeit des Apostels an seinen Gemeinden, »Überreste« im Sinne der geschichtsmethodologischen technischen Sprache. Paulus hat diese Blätter geschrieben oder, in vielen Fällen?, einem Genossen in die Feder gesprochen im Sturm und Drang seines an tiefaufwühlenden Erlebnissen reichen Wanderlebens; er hat sie dann durch zuverlässige Boten in einem einzigen Exemplar an den Ort ihrer Bestimmung überbringen lassen, übers Meer und übers Land, von Ephesus nach Korinth, von Korinth nach Rom und nach Ephesus, ohne daß die große Welt und auch die Christenheit im ganzen sofort etwas von der Existenz dieser Blätter gewußt hätte.
Daß ein Teil dieser vertrauten Blätter nach Jahrhunderten noch vorhanden sein werde, das hat Paulus weder beabsichtigt noch geahnt. Mit kommenden Jahrhunderten hat sein glühender Glaube überhaupt nicht gerechnet. Wie ein schwüler Gewitter- himmel wölbt sich über der apostolischen Christenheit die Hoffnung, daß die gegenwärtige Weltperiode ihrem Ende ent- gegeneile und die neue Welt des Gottesreiches im Anzug be- griffen sei. Solche Hoffnung dürstet nicht nach irdischem
ı Zu dieser Charakteristik vgl. meine demnächst erscheinende Arbeit »Das Neue Testament als das historische Dokument des Urchristentums«.
2 2 Thess 317 Gal 611 Kol 41s 1 Kor 1621 (2 Kor 101?) Röm 1622. {Ent- weder ist der Schreiber genannt, oder Paulus betont, daß er den Schluß des Briefes eigenhändig hinzufüge.
Gesprochene Briefe. Die Schicksale der Paulusbriefe. 9
Autorenruhm, sie reckt sich dem Neuen, dem Himmlischen sehnsuchtsvoll entgegen.
Dieses Neue mitvorzubereiten, dafür hat Paulus gearbeitet, und diesem Zweck dienen direkt und indirekt auch die Briefe, die er aussandte. Immer handelt es sich um seelische und um Gemeindeprobleme in einer bestimmten eigenartigen Lage. Lediglich Ersatz des mündlichen Verkehrs sind die Briefe, und es ist von hoher Wichtigkeit für ihre Exegese, daß man sie sich gesprochen (diktiert) denkt und die Modulation dieser leben- digen nichtpapierenen Worte wiederherzustellen sucht, daß man also herausfindet, wo Paulus lächelt, wo er zürnt, wo er, zum Entsetzen seiner späteren attizistischen Ausleger, in Anakoluthen stockt, oder wo prophetisches Pathos die Zeilen beflügelt. Paulus will trösten, ermahnen, strafen, stärken; er verteidigt sich gegen seine Gegner, erledigt Zweifelsfragen, spricht von seinen Erlebnissen und Absichten, fügt Grüße und Grußbestel- lungen hinzu, meist ohne ängstliche Disposition, ungezwungen vom einen zum anderen übergehend, ja oft überspringend, und die längeren Briefe zeigen deutlich den oft jähen Wechsel der Stimmung während des Diktates.
Ein Teil dieser Briefe ist sicher schon frühe verloren ge- gangen. Die Korinther z. B. haben Paulusbriefe, für die wir heutegern die gesamte polemischeLiteratur unserer theologischen Journalisten dahingeben würden, untergehen lassen!, und das wird gewiß auch das Schicksal noch anderer Paulusbriefe ge- wesen sein, schon in alter Zeit.
Immerhin konnte man nach dem Tode des Apostels, als man die bei den Gemeinden zerstreuten Blätter von seiner Hand zu sammeln und abzuschreiben begann, doch noch über ein Dutzend zum Teil umfangreicher Paulusbriefe retten, und allmählich erlangte diese Sammlung, obwohl von Haus aus unliterarisch, literarische Bedeutung, ja sie wird ein Teil des kanonischen Corpus der heiligen Schriften des Christentums, und mit dem ehrwürdigen Glanze der kanonischen Dignität sind so die Paulus-
! Es sind die 1 Kor} 59if. und 2 Kor 23f. 7sff. genannten Paulusbriefe, deren Inhalt man teilweise rekonstruieren kann. Auch ein Brief der Korinther an Paulus (1 Kor 71) ist verloren gegangen.
10 ‚Die Echtheit der Paulusbriefe.
briefe in unseren Besitz gekommen. Es ist, als wären uns alte Edelsteine in einer kostbaren Fassung in die Hand gegeben; die Fassung ist so reich, daß wir von den Steinen selbst etwas abgelenkt werden. Aber nehmt die Fassung weg, dann werden die Diamanten in ihrem eigenen Feuer blitzen und funkeln, leuchtender noch als zuvor.
Die unliterarische Auffassung nimmt den Paulusbriefen nichts Wesentliches, sie gibt ihnen vielmehr ihre ursprünglichen Gluten wieder. Und wer dies heilige Feuer in diesen Klein- odien glühen sieht, sieht auch, daß es echte Steine sind. Ver- staubt und mit doktrinären Zutaten verunziert, sahen mehrere Paulusbriefe unpaulinisch aus; und mancher Forscher hat, durch die gewaltigen Kontraste des seelischen Gehaltes bedenklich gemacht, einen Teil der Blätter als unecht preisgegeben.
Bei einer energischen Durchdenkung des unliterarischen Charakters der Paulusbriefe und bei einer fortgesetzten Ver- gleichung mit unzweifelhaft echten vertrauten Briefen anderer großen Menschen werden die meisten gegen die Echtheit ein- zelner Paulusbriefe geltend gemachten Bedenken den Boden ver- lieren.
Noch immer geht in gewissen Kreisen der Wahn um, die Wissenschaftlichkeit eines Bibelforschers sei prozentual nach dem Verhältnis seiner Unechtheitsverdikte auszurechnen. Es ist, als habe der Ruhm BentLeys viele zu falschen Maßstäben greifen lassen, und ein gutes Teil der Martyrien des historischen Paulus! haben die überlieferten Paulusbriefe im neunzehnten Jahrhundert unschuldig nacherleben müssen:
dreimal mit Ruten gezüchtigt, einmal gesteinigt, dreimal Schiffbruch gelitten!
Bei literarischen Episteln vielleicht anwendbar, sind die vul- gären Fragezeichen der Studierstube bei unliterarischen Briefen nicht einleuchtend; ich denke besonders an den zweiten Brief an die Thessalonicher und den sogenannten Epheserbrief. Schwierigkeiten liegen eigentlich bloß bei den Briefen an Timo- theus und Titus vor, und doch sind auch diese Nöte vielleicht nicht ganz so groß, als viele Fachgenossen annehmen; was in
12 Kor 1123ff.
Die Pastoral- u. Gefangenschaftsbriefe. Unerfindbarkeit der Paulusbriefe. 11
diesen Briefen stilisiert, erstarrt, unbrieflich aussieht, ist zum Teil vielleicht von Paulus übernommenes und nur leise seinen Zwecken angepaßtes Erbgut aus der Gemeindeerfahrung des hellenistischen Judentums, zum Teil nachpaulinische Ergänzung. Da für unsere Aufgabe einer kultur- und religionsgeschicht- lichen Charakteristik des Apostels Paulus diese Briefe jedoch nicht besonders viel eigenartiges Material liefern, brauche ich mich bei der Behandlung der Quellenfrage in das Problem ihrer Echtheit, über das ich noch keine abgeschlossene Meinung habe, wohl nicht zu vertiefen!.
Andere Schwierigkeiten, wie sie z. B. die Gefangenschafts- briefe darbieten, können vielleicht durch eine Revision alter Fragestellungen erleichtert werden; es ist, um nur einen solchen Fall zu nennen, sehr wohl möglich, die Gefangenschaftsbriefe zum Teil in einer ephesinischen Gefangenschaft des Apostels unterzubringen.
Die Hauptinstanz für die wesentliche Echtheit der über- lieferten Paulusbriefe ist der unerfindbare Umstand, daß jeder dieser Briefe denselben Charakterkopf wiederspiegelt, jedesmal in einer neuen Beleuchtung und mit neuem Ausdruck, oder sogar mit starkem Wechsel des Ausdrucks innerhalb desselben Briefes. Es ist nicht die unveränderliche kalte Marmorbüste des Paulinismus, die wir jedesmal schauen; wohl aber ist es immer der lebendige Mensch Paulus, den wir sprechen hören und den wir gestikulieren sehen, hier scherzend, mild wie ein Vater und zärtlich schmeichelnd um das Herz der betörten Kinder — dort in leidenschaftlichem Lutherzorn blitzend und donnernd, schneidende Ironie, herben Sarkasmus auf den Lippen. Ein anderes Mal erstrahlt sein Auge vom Erlebnis des Sehers und strömt sein Mund über von Bekenntnissen erlebter Gnade, oder er verliert sich in die verschlungenen Wege eines religiösen Problems und seine Seele zittert unter einem schweren Kummer,
1 Zitieren werde ich sie im folgenden nur da, wo sie die aus den sicher echten Briefen gewonnenen Eindrücke verstärken, oder zur Illustration typischer Tatsachen der paulinischen Welt.
2 Vgl. Licht vom Osten S. 171; M. ALBERTZ Theologische Studien und Kritiken 1910, S. 551ff. und BENJAMIN W. Rosınson Journal of Biblical Literature vol. 29 part. II (1910) S. i81ff.
12 Stimmungswechsel u. Kontraste. Der Philemonbrief.
N oder er greift in die Harfe Davids zu einem begnadeten Dankes-
F psalm. Immer derselbe Paulus in immer neuer Haltung, und auch da, wo scheinbare Widersprüche beobachtet werden können, derselbe Mensch Paulus mit allen den Polaritäten seines Wesens, auf die man das Wort anwenden Könnte:
Ich bin kein ausgeklügelt Buch, Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.
Wer den intimsten Charakter der Paulusbriefe am leichtesten kennen lernen will, der soll mit dem Philemonbriefe beginnen. Er ist der kürzeste und wohl auch der brieflichste Paulusbrief, auf ein einziges Papyrusblatt geschrieben, wie zahlreiche gleich- zeitige griechische Briefe aus Ägypten auch. Bei ihm versagt die doktrinäre und die literarische Auffassung völlig. Es ist eine Entgleisung des historischen Urteils nicht bloß, sondern auch des menschlichen Geschmacks, wenn man dieses köstliche Blatt als einen Traktat über die Stellung des Christentums zur Sklaverei bezeichnet hat. Da hat man aus Menschen Be- griffe und aus einem vertrauten Briefchen ein Buch gemacht: Paulus ist unpersönlich geworden zum »Christentum«, aus dem Sklaven Onesimus ist »die Sklaverei« geworden. Dabei ist tat- sächlich alles so überaus einfach. Dem im Innern von West- Kleinasien, in Kolossä, wohnenden Christen Philemon ist der Sklave Onesimus entlaufen. In der großen Hafenstadt Ephesus, die in wenigen Tagemärschen zu erreichen war!, hoffte er wohl sich verbergen zu können, wurde dort aber wahrscheinlich ver- haftet? und lernte den, wie ich glaube, damals ebenfalls in Ephesus gefangen sitzenden Paulus im Gefängnis kennen. Paulus bekehrte den Mann zum Evangelium und sandte den Entlaufenen (für den er sich vielleicht der Gefängnisbehörde
i Heute kann man zu Pferde und dann mit der Eisenbahn im Notfalle an einem einzigen Tage von Kolossä nach Ephesus gelangen; 1909 machte ich wenigstens die Reise von Ephesus nach dem in der Nähe von Kolossä liegenden Laodicea und zu- rück in zwei Tagesfahrten (13. und 15. März).
2 Entlaufene Sklaven wurden wohl nicht selten steckbrieflich verfolgt, und die Behörde mußte sie zu verhaften suchen. Wir besitzen noch im Pariser Papyrus Nr. 10 einen Originalsteckbrief hinter zwei entlaufenen Sklaven aus der Ptolemäer- zeit (Notices et extraits 18,2 S. 177ff.); eine hohe Belohnung ist auf die Ergreifung der Flüchtlinge gesetzt, die der Behörde anzuzeigen waren, sobald ihr Aufenthaltsort ermittelt war.
Der Epheserbrief (Röm. 16). 13
gegenüber verbürgt hatte) zu seinem Herrn zurück. DasBriefchen, das er ihm mitgab, bittet für den armen »Nichtsnutz«<1 um Ver- zeihung und freundliche Wiederaufnahme. Ein Momentbild ur- christlicher Seelenleitung ist dieser Brief; der ganze Zauber einer eigenartigen Persönlichkeit ist über diese Pauluszeilen ausgegossen: christliche Gesinnung vereint sich mit griechischer Feinheit und weltmännischem Takt. Obwohl ein Gefangener, schreibt Paulus in vollster Ruhe?; eine selige Heiterkeit leuchtet aus seinem Auge, er Öffnet die Schätze seines Vertrauens, appelliert an Bruderliebe und Heilandsliebe und weiß, diese Mächte sind unwiderstehlich. Dabei keine Spur von Trivialität in der Behandlung einer an sich trivialen Sache, kein Wort ist unbedeutend, eine starke und doch elastische Seele offenbart sich dem vertrauten Freunde.
Aus einer ähnlichen Stimmung heraus ist das Briefchen ge- schrieben, das im Römerbrief Kapitel 16 erhalten ist. Dieses Blatt ist höchstwahrscheinlich ursprünglich nicht ein organisches Stück des Römerbriefs, sondern ein besonderer Brief des Apostels an seine Christenversammlung in Ephesus zur Empfehlung der Christin Phoebe. Auch hier spricht Paulus zu Vertrauten in echt brieflicher Weise; wie mehrere Papyrusbriefe jenes Zeit- alters, so enthält auch dieser fast nur einzelne Grüße, aber jeder Gruß ist persönlich getönt und das Ganze voll von Anspielungen auf gemeinsame Arbeit und gemeinsame Leiden. Der große Märtyrer und der große Arbeiter Paulus blickt uns aus diesem Briefblatt an, Paulus der Menschenkenner und der lebendige Mittelpunkt seines Kreises. An einer Stelle bricht dann glühen- der Groll gegen die Verderber des Evangeliums durch, und
1 So sagt Paulus Philemon 11, mit dem Namen Onesimus (= Nützlich) spielend.
2 Man lese, um des Kontrastes willen, die in den Flinders Petrie Papyri II Nr. 35 a u. b und 36a erhaltenen wehleidigen und winselnden Gefangenenbriefe eingekerkerter Ägypter aus der Ptolemäerzeit, höchst interessante Parallelen zu den Gefängnisbriefen des Paulus. Der Verkehr mit der Außenwelt war den Gefangenen damals gewiß leichter, als er bei uns ist. Man vergleiche die unten Kap. 2 erwähnten Bestechungskassiber, dann Matth 112 2536 und die heutigen anatolischen Gefäng- nisse: ein Besuch des großen Zuchthauses in Konia (Ikonium) am 6. März 1909 zeigte mir handgreiflich deutlich den starken Verkehr der Gefangenen durch das Gittertor mit ihren zugereisten Angehörigen.
14 Die Thessalonicherbriefe. Der Galaterbrief. Der erste Korintherbrief.
zum Schluß hören wir einen vollen Akkord von der Harfe des Psalmisten Paulus.
Auch die zwei Thessalonicherbriefe sind echt brieflich. Der erste zumal ist voll ergreifender persönlicher Reminiszenzen. Sie lassen uns etwa den Durchschnittstypus der paulinischen Briefe erkennen, im ganzen mit einer gewissen Ruhe geschrieben trotz polemischer Ausführungen.
Ganz von heiliger Entrüstung diktiert ist der Anfang des Galaterbriefes. Man begreift es, daß dieser Brief mit seinen Blitzen und Donnerkeilen unseren deutschen Reformator besonders ge- fesselt hat. Paulus muß sich hier vor den galatischen Christen tief im Herzen Anatoliens gegen bösartige Verleumder recht- fertigen, die ihm das Vertrauen dieser jungen Gläubigen rauben wollten, indem sie seine apostolische Sendung antasteten und sein gesetzesfreies Christentum als einen Abfall brandmarkten. Aber deshalb sehreibt Paulus doch nicht eine dogmatische Ab- handlung, sondern einen feurigen Verteidigungsbrief, in welchem er nachher auch andere Töne anschlägt. Mit der ganzen In- brunst seines Gemütes wirbt er bei den Galatern um die alte Liebe. Das Charakterbild des Apostels ist nach den verschie- densten Seiten hin aufs deutlichste ausgeprägt.
Viel ruhiger als der Galaterbrief beginnt der erste Korinther- brief. Paulus nimmt Stellung zu einer Anzahl von Schäden in der korinthischen Gemeinde, und so läßt uns der Brief tief hinein- schauen in die seelsorgerliche Weisheit seines Verfassers. Auch hier fehlt es nicht an scharfer Polemik, ätzender Ironie und pro- phetischer Entrüstung, aber im allgemeinen ist Paulus zurück- haltender; er schont die Gemeinde, wo er kann, und er würdigt sie der tiefsten und großartigsten Bekenntnisse. Mitten in den wüsten Lärm der korinthischen’ Parteien, des Haders um
. den Denar, des Zankes zwischen den aufgeklärten und den
schwachen Christen der hellenistisch-römischen Weltstadt läßt er eine hehre Gestalt treten, so machtvoll, so edel und keusch, wie sie eines Phidias würdig gewesen wäre, die Agape, die. Liebe, die das letzte Geheimnis des Wesens Gottes und seines Sohnes enthüllt und die Söhne Gottes zu einer großen Bruder- schaft verbindet. Und nachher legt Paulus ein in seiner In- brunst ergreifendes Bekenntnis zum lebendigen Christus ab,
Der zweite Korintherbrief. Der Römerbrief. 15
gibt Zeugnis von seiner Ewigkeitshoffnung und plaudert in reiz- vollem Wechsel des Großen und des Kleinen von seinen Plänen und seinen Sorgen.
Vielleicht der persönlichste unter den »größeren« Paulus- briefen ist der zweite Korintherbrief. Er ist als Ganzes bei uns auch der unbekannteste, eben weil er so ganz brieflich ist, so ganz persönliche Konfession, voll von Anspielungen, die wir nicht mehr alle verstehen. In tiefer Ergriffenheit beginnt Paulus; denn Gott hatte ihn aus einer furchtbaren Todesnot noch einmal gnädig errette. Von unaussprechbarer Dankbarkeit ist daher der Anfang dieses Briefes durchweht; aber diese Stimmung wird abgelöst von anderen, besonders von einer scharf polemischen gegen gesetzlich gesinnte Christen, die auch in Korinth ihre Verleumdungssaat ausgestreut hatten. Wieder, wie im Galater- brief, läßt Paulus seine korinthischen Brüder tief hineinblicken in sein inneres und äußeres Leben, und es sind besonders die Kapitel 11 und 12 unersetzlich wertvolle Dokumente für die Geschichte des Apostels.
Der am wenigsten persönliche längere Paulusbrief ist der Römerbrief. Aber auch er ist ein wirklicher Brief, nicht eine Epistel. Es stehen in ihm ja gewiß Partieen, die auch in einer Epistel stehen könnten, und man könnte ihn da und dort einen epistolischen Brief nennen. Aber trotzdem ist er ein Brief und kein Buch, und die bei manchen deutschen Paulusforschern be- liebte Charakteristik, er sei das Kompendium des Paulinismus, der Apostel habe hier seine Dogmatik und Ethik niedergelegt, ist zum mindesten sehr mißverständlich. Gewiß hat Paulus die römischen Christen belehren wollen, und er hat es getan zum Teil mit den Mitteln der zeitgenössischen Theologie. Aber er hat nicht das literarische Publikum seiner Zeit als Leser vor sich, auch nicht 'die Christenheit im allgemeinen; er wendet sich an ein in den bescheideneren Quartieren Roms lebendes Häuflein Menschen, von dessen Existenz die Öffentlichkeit so gut wie nichts wußte. Schwerlich sind von dem Apostel Ab- schriften des Briefes zu den Versammlungen der Christen in Ephesus, Antiochien und Jerusalem gesandt, worden; nur nach Rom hat er dieses Sendschreiben geschickt. Daß diese Blätter nicht so stark von persönlichen Wendungen belebt sind,
16 Die Briefe nach Kolossä, Laodicea, Philippi. Die Paulusbriefe Paulusbilder.
wie die meisten anderen paulinischen Briefe, erklärt sich aus der brieflichen Situation: Paulus schreibt an eine ihm noch persönlich unbekannte Gemeinde. Das Zurücktreten des per- sönlichen Details spricht nicht für den epistolisch-literarischen Charakter des Römerbriefes, sondern ist die natürliche Folge . der brieflich-unliterarischen Situation.
Ähnlich ist die Situation bei der Abfassung der gleichzeitig mit dem Philemonbriefe entstandenen, in das Tal des Lykus nach Kolossä und Laodicea »Epheserbrief«) gerichteten Schreiben. Auch diese Gemeinden kennt Paulus noch nicht aus persön- lichem Verkehr, darum tritt auch hier das Persönliche zurück hinter dem Sachlichen. Die eigenartig gravitätische Sprache fällt dabei auf, eine bald liturgisch bald kontemplativ an- mutende Feierlichkeit des Tones, die übrigens auch einzelnen Teilen anderer Paulusbriefe nicht fremd ist; inhaltlich ist die breite Entfaltung der sonst bloß angedeuteten, weil als bekannt vorausgesetzten Christusmystik unverkennbar. Ein großer Teil der kritischen Schwierigkeiten, die der Inhalt dieser Briefe bietet, fällt fort, wenn Paulus uns auch von den zweifellos »echten« Briefen her als der große Christusmystiker bekannt geworden ist.
Überaus brieflich und aufs stärkste persönlich ist dagegen wieder der Philipperbrief, gerichtet an eine dem Apostel be- sonders nahestehende Gemeinde, die dem Gefangenen einen großen Beweis ihrer Liebe hatte zuteil werden lassen. Dafür dankt Paulus, und eigenartig ergreifende, unerfindbar persön- liche Töne durchzittern die Zeilen und lassen uns die an Kon- trasten so reiche Persönlichkeit des Schreibers in der a Frische ihres Wesens erkennen.
So ist jeder Paulusbrief ein Paulusbild, und darin liegt denn der einzigartige Quellenwert der Paulusbriefe für die historische Charakteristik ihres Urhebers. Es gibt wohl keinen einzigen bedeutenden Christen der Folgezeit, von dem wir so völlig absichtslose Quellen für die Erkenntnis seines inneren Lebens besitzen. Selbst Augustins Konfessionen können mit ihrer literarischen Publizität den Vergleich mit den Paulus- briefen nicht aushalten. Undes gibt wohl auch nur ganz wenige Menschen der römischen Kaiserzeit, die wir so genau erfor-
Die Apostelgeschichte des Lukas. 17
schen können, wie uns dies bei Paulus durch seine Briefe möglich ist.
Bei alledem ist es ganz selbstverständlich, daß ein Mann, der als Zeitgenosse und als gelegentlicher Begleiter des Paulus den Apostel von außen schildert, die Treue nicht erreichen konnte, die Paulus, in seinen Briefen sich selbst zeichnend, unbewußt erreicht hat. Wie verblaßt doch auch Morırz Buschs Bismarck- bild aus dem großen Kriege gegenüber Bismarcks eigenem Bilde in den Briefen aus Frankreich an seine Gattin! Aber deshalb ist die Paulusdarstellung des Lukas in der Apostelgeschichte doch eine unentbehrliche Ergänzung der Paulusbriefe, in manchen Einzelheiten öfter durch die Paulusbriefe korrigier- bar, aber in vielen anderen doch auch auf guter Überlieferung beruhend!. Im Gegensatze zu der These, Lukas habe die Angaben der Paulusbriefe bewußt entstellt zugunsten einer Unionstendenz, die zwischen den streitenden Parteien des apostolischen Zeit- alters vermitteln sollte, betone ich mit Entschiedenheit, daß Lukas unsere Paulusbriefe überhaupt noch nicht gekannt hat. Die waren, als Lukas schrieb, noch nicht gesammelt und publi- ziert. Was Lukas von Paulus weiß, weiß er aus anderer Über- lieferung. Einiges hat er gewiß den Paulus selbst berichten hören, wie z. B. die drastische Geschichte von der Flucht aus Damaskus im Korb2, die der Apostel wohl öfter mit Variationen im einzelnen lächelnd erzählt hat. Anderes, und zwar sein Bes- tes, stammt aus eigener Beobachtung, die er, ganz im Stile der antiken Seefahreraufzeichnung?, in seinen »Wir«-Worten erzählt. Und es ist sein großes Verdienst, daß er uns besonders Paulus als den Mann der Praxis gezeichnet hat, Paulus den Wanderer,
1 ADOLF HARNACKS neuere Lukasforschungen bedeuten eine gesunde Reaktion gegen die Methode der peinlichen Inquisition.
2 AGesch 924f. Daß Lukas diese Geschichte nicht aus 2 Kor 1132f. hat, ist wohl sicher, denn sonst hätte er bei seiner Vorliebe für die Potentaten den Ethnarchen des Königs Aretas gewiß nicht vergessen.
3 Vgl. z. B. den »Wir«-Bericht des Königs Ptolemäus Euergetes I. über seine Seefahrt nach Cilicien und Syrien, der auf den kostbaren Blättern Flinders Petrie Papyri II Nr. 144 entdeckt worden ist. Näheres in der oben S. 8 angekündigten Schrift.
Deissmann Paulus. 2
18 Das Bild des Lukas: Paulus in der Welt.
der, durch die antike Mittelmeerwelt ziehend, dieser Welt den lebendigen Christus gepredigt hat.
Von dieser Mittelmeerwelt, die die Welt des Paulus ist, weil er aus ihr stammt und für sie sein Leben verbraucht hat, müssen wir ein Bild zu gewinnen suchen.
25 Die Welt des Paulus.
Wenn man von Smyrna mit dem russischen Pilger-Dampfer an der Westseite Kleinasiens südwärts fährt!, so erreicht man, an der schweigenden Küste von Ephesus und den kahlen Felsen von Samos vorbei durch die Inselwelt der Sporaden eilend, nach vierundzwanzig Stunden Rhodus. Und wenn man dann den Kurs nach Osten nimmt, so kann man, nach knapp sechsunddreißig Stunden Fahrt längs der kleinasiatischen Südküste, auf der Reede der cilicischen Hafenstadt Mersina vor Anker gehen.
Ein unvergeßlich großartiges Landschaftsbild breitet sich da vor uns aus, während vom Hafen her die Boote zum Aus- schiffen heranrudern. Der Lichtglanz der anatolischen Morgen- sonne zittert über den Wellen und 'gleißt auf den aus dem Wasser hochgehenden Rudern der buntgekleideten türkischen Bootsleute. In grellem Weiß grüßen die fernen Häuser von Mersina, und wir sehen die Kuppeln und Minarets der Gottes- häuser, während die Flaggen der europäischen Konsulate und der türkischen Behörden lustig im Winde flattern. Am östlichen Ende der Stadt steigen weiße Dampfwolken auf, und der Pfiff der Lokomotive kommt über die Wellen zu uns. Mersina ist
1 Vgl. zum Folgenden meine Karte. Wir machten diese Fahrt mit dem von Odessa nach Palästina gehenden russischen Pilger-Dampfer »Korniloff« vom 16. bis 19. März 1909, wohnten in Mersina und besuchten außer Soli-Pompeiopolis zweimal (am 20. und 21. März) Tarsus. Die folgenden Beobachtungen sind in der Haupt- sache damals gemacht worden; einzelnes Anatolische |stammt auch von der Reise 1906. Auf den Pilgerschiffien, wo man wohl oft der einzige »Gebildete« unter Hunderten von sibirischen und russischen Bauern, östlichen Judenproletariern, Arme- niern, Türken und Arabern ist, lernt man zehnmal mehr für das heutige (und das antike) Volkstum des Ostens als auf den großen Levante-Dampfern, die uns auch auf den Wogen des Mittelmeers aus dem Käfig ‚unserer europäischen Kultur
nicht herauslassen. 2 *
230 Die Fahrt nach Cilicien. Die cilicische Ebene u. der Taurus.
der Ausgangspunkt des jetzt im Besitze der Anatolischen Bahn befindlichen Schienenwegs, der durch die weite und fruchtbare cilicische Ebene nach Adana führt!.
Und diese cilicische Ebene dehnt sich dann hinter der Stadt grün und üppig in die Weite und Tiefe, da und dort von sanften ruinengekrönten Hügelwellen belebt, bis ihr endlich durch die massigen Vorberge des trotzig zum Himmel ragenden und den Horizont phantastisch zersägenden cilieischen Taurus Einhalt geboten wird. Die Konturen dieser gewaltigen Bergkette sind so wildbewegt, daß wir uns nicht leicht zurechtfinden und, während das Auge auf dem sonnigen Schnee der Firnen aus- ruht, bloß ahnend von den Katastrophen der Urzeit und der Äonenarbeit der Elemente träumen, die diese Landschaft ge- schaffen haben, ehe Menschenhände den Acker pflügten oder den Webstuhl bedienten, und ehe Menschenkniee sich beugten vor den Mächten der oberen Welt.
Fern im Osten stößt, vom Mittag kommend, der Kamm des syrischen Amanusgebirges mit dem Taurus zusammen, und es ist ein seltsam ergreifendes Erlebnis, wenn man vom Schiff aus am Abend nach Sonnenuntergang die Amanuskette und in wundervollem Alpenglühen die Schneespitzen des Taurus über Ebene und Meer herüberwinken sieht, während einer sich ein- schiffenden Gesellschaft junger Leute ein arabischer Sänger seine leidenschaftlichen Abschiedsweisen singt.
Betritt man, vom Innern Kleinasiens und von der West- küste kommend, den Boden der cilicischen Ebene im März, so überspringt man im Fortschritt der Frühlingstage einige Wochen. Die Feigenbäume, die bei Ephesus und im !Mäandertal ihre ersten hellgrünen Spitzen hervortrieben, haben hier schon große, köstlich in der Sonne leuchtende Blätter; der Asphodelos, der in der Ebene von Troia und auf den Trümmerhalden von Ephesus noch im April üppig blüht, ist auf den Feldern der bei Mersina am Meer liegenden Ruinenstadt Soli-Pompeiopolis
{ Vgl. die Karte, die auch die Trace der geplanten anderen Linien zeigt. — Nach Vollendung der Karte ist im März 1911 noch eine Eisenbahn Osmanije (zwischen Kastabala und Jssos) — Alexandrette (Alexandreia) als Zweiglinie der Baghdad-Bahn in Aussicht genommen worden.
Vegetation u. Klima. Fieber. Religiöser Fanatismus, 21
bereits im Verblühen, und die Anemonen, die uns im Mäander- tal und bei Ephesus in ihrer ersten Farbenpracht entzückten, blühen in der cilicischen Ebene schon im Januar. Auch die kleinasiatische Pappel, die mit ihrem schlanken silberigen Stamm in schwesterlichem Wettbewerb mit den Minarets das Wahr- zeichen Anatoliens in Stadt und Dorf bildet, ist hier weiter vor, viel weiter als in Konia oder in Angora, und tiefrot erglüht an den grauen antiken Säulen von Pompeiopolis das blühende Ge- wucher des Judasstrauches. Schnee fällt in der Ebene fast nie, und den ganzen Winter hindurch spendet der Garten dem Haus- halt seine grünen Gewächse.
In reichster Üppigkeit tragen später die Getreidefelder und die Baumwollkulturen schwere Ernten, aber unsägliche Schwüle lastet dann auch über den Fluren, und das Fieber wütet land- auf, landab. Als wir im März 1909, nach längerer Wanderung auf den Missionswegen des Paulus im inneren Kleinasien und an der Westküste, mit der Adana-Bahn durch die prachtvollen Weizendistrikte der Ebene fuhren, der Paulusstadt Tarsus zu, da ahnten wir nicht, daß Millionen von Körnern aus diesen Ähren nicht auf die Tenne kommen sollten; wenige Wochen nachher brach in dieser schwülen cilicischen Ebene ein Fieber aus, das bis nach dem syrischen Antiochien hin schlimmer als die ärgste Malaria die Menschen dezimiert hat, der religiöse und nationale Fanatismus aufgestachelter mohammedanischer Mordgesellen, deren Wüten Tausende von armenischen Christen zum Opfer fielen. -Und während die reißenden Wogen der vom Frühling geschwellten Ströme Cydnus und Sarus die Leiber der Gemordeten zu Hunderten dem Meere zutrugen und die cilieische Erde täglich aufs neue das Blut christlicher Märtyrer trank, verdarb draußen auf den Feldern die Frucht auf dem Halm oder wurde zerstampft und verbrannt von der blinden Wut der Verfolger.
Uns boten sich bei jener Fahrt friedlichere Bilder dar, und es kam uns nicht zum Bewußtsein, daß die schwüle, brütende Glut dieser Ebene seit Jahrtausenden in den Gemütern Leiden- schaften ansammelt, die sich, wenn der Funke kommt, entladen in Sengen und Brennen, in »Drohung und Mord«!.
1 AGesch. 9ı 0 d& Zaviog Erı &unvewv aneıljc xal Yorov.
223 Die Wandervögel u. ihre Straße. Die Lage von Tarsus.
Unsere Gedanken wurden damals! in der weiten Ebene eigenartig bewegt durch ein ganz seltenes Schauspiel, ein Stück der Welt des Paulus, echter gewiß als es das erste nachher von uns betretene Haus seiner Heimatstadt war, das Bahn- hofsgebäude mit der bilinguen (türkisch-europäischen) Aufschrift Tarsus! Vom Meere her kamen hoch in den Lüften in un- geheuren Kolonnen die vom afrikanischen Süden dem Norden zustrebenden Störche von Kleinasien und Europa heran. Durch das Niltal und das Jordantal waren sie über das syrische Anti- ochien gekommen (wir beobachteten an einem der nächsten Tage? bei Antiochien eine große gefräßige Storchsynode und am Paß von Bailän einen Teil des Flugweges dieser Geschwader); sie hatten dann wohl die Bucht von Alexandrette überflogen und rüsteten sich nun zum Flug über den Taurus, die einen Heerhaufen auf den weiten feuchten Feldern sich verprovian- tierend, die anderen in der Höhe prachtvoll manövrierend, wieder andere Legionen bereits in sicherem und ruhigem Kurs auf die Taurus-Pässe hinbrausend.
Wer hat den Tieren diese Straße gezeigt, die die Straße der Großkönige des Ostens ist und die Straße Alexanders und der Cäsaren, die Straße der Kreuzfahrer und der mohamme- danischen Heere? Hat sich die Straße der Menschen der ur- alten Bahn der Zugvögel angepaßt? Hörten wir nicht aus dem Rauschen der Fittige über der einsamen cilicischen Ebene den ewigen Rhythmus des Wanderns? Und fanden wir nachmals nicht da, wo das Pflaster einer jalten Römerstraße sich durch ein antiochenisches Weizenfeld neben der modernen Straße her- zieht, die Fußspuren eines cilicischen Weltwanderers, der vor Zeiten vom syrischen Süden nach dem Norden über den Taurus und vom kleinasiatischen Osten nach dem europäischen Westen gezogen ist über Meer und Land?
Den Eindruck, daß die cilicische Ebene eine Stätte uralten Weltverkehrs ist, hat man dann in der Paulusstadt Tarsus noch viel deutlicher. Zwar von dem alten Tarsus ist über der Erde wenig erhalten, aber wenn die Eingeborenen etwa an deralten Stadtmauer beim »Paulustor« nach antiken Werksteinen graben,
120. März 1909. ?2 25. März 1909.
Die Brücke zweier Welten, Die eilicischen Tore. Der Sohn von Tarsus. 23
so finden sie Terrakotten und Münzen aus der Zeit des Paulus. Und vor allem: die verkehrsgeographische Situation ist unver- fälscht dieselbe wie im Zeitalter der Religionswende. Wie noch heute in der cilicischen Ebene die beiden Kulturen des Islam zusammentreffen, die türkische und die arabische, so war das Land auch vormals die Schwelle zweier Kulturen und die Brücke zweier Welten.
Von dem höchsten Punkte der modernen Stadt aus, viel- leicht dem Burghügel des alten Tarsus, überblickt man nach allen Seiten die weite Ebene und, nach Süden sich wendend, hat man zur Linken hinter den blauen Höhen des Amanus und den letzten im flimmernden Duft versteckten Ausläufern der andern syrischen Kämme die Welt des Semitismus; im Rücken und zur Rechten zieht sich die von Tarsus aus noch maje- stätischere unendliche Kette des Taurus mit dem welthistorischen Paß der cilieischen Tore, und dahinter liegt die Welt der hellenistisch-römischen Kultur. Was von Syrien kommt und vom Jordan, und nach Ephesus soll und nach Korinth, das wird durch diese Tore hindurchmüssen, wenn es nicht auf den Wogen des Mittelmeeres hinübergleitet an die westlichen Gestade. Durch diese Tore wanderten die Schwertklingen von Damaskus und der Balsam von Jericho, durch diese Tore ist der Logos ge- wandert, Mensch geworden in Galiläa und dann wieder Geist geworden für die ganze Welt.
Zwei junge Anatolier, die ihre Ausbildung in) dem treff- lichen amerikanischen St. Paul’s Institute in Tarsus erhalten hatten, waren unsere Führer in ihrer Heimatstadt. Als wir dort in einer kleinen Herberge mit ihnen beim Mahle saßen, wollte der eine mir eine Artigkeit sagen, rühmte unsere Philosophie und sprach voll Stolz über sein Wissen: »Ihr habt Kant!« Ich antwortete ihm, nicht in konventioneller Phrase, sondern ganz erfüllt von der Gestalt, die in der einsamen cilicischen Ebene unter den Geschwadern der Wandervögel und auf. dem Burg- berg von Tarsus angesichts der syrischen und cilicischen Pässe lebendig geworden war: »Ihr habt Paulus! «
Und gewiß, es ist so: daß Tarsus seinen Paulus hat, und daß Paulus aus Tarsus kam, ist keine Zufälligkeit. Der Welt-
24 Die Mittelmeerwelt in ihrer Einheitlichkeit.
apostel kommt aus einer klassischen Stätte des Weltverkehrs, und seine Heimat selbst ist ihm von Kind auf ein Mikrokosmos gewesen, in dem die Kräfte des großen antiken Kosmos der Mittelmeerwelt alle vorhanden waren.
Die Mittelmeerwelt die Welt des Paulus! Wer sie ver- stehen will!, diese Welt, die Paulus selbst einmal durch Jerusalem im Osten, durch Illyricum, Rom und Spanien im Westen be- grenzt hat?, in deren Norden der Scythe? und die Barbaren wohnen, während im Süden der Wunderberg.des Sinai in Arabien’ ragt, darf nicht von dem Vorurteil ausgehen, als falle sie in zwei Hälften auseinander, eine semitische hier, eine griechisch- römische dort. Man hat vielmehr von der Tatsache der relativ großen Einheitlichkeit mindestens der Küstenkultur dieser Welt auszugehen.
Paulus kennt zwar auch ein gut Teil des inneren Klein- asien, und die im zweiten Korintherbrief® gegebene Aufzählung seiner Mühseligkeiten auf den Reisen durch »Gefahren in der Öde« und »in Kälte« spiegelt wohl in der Hauptsache inner- kleinasiatische Erlebnisse wieder. Speziell der Wechsel der Witterung ist dort in den verschiedenen Höhenlagen” oft ein jäher; an einem Märztage 1909 hatten wir gegen Abend auf der Höhe eines phrygischen Passes einen heftigen Schneesturm, und am nächsten Mittag bereits fuhren wir an rosa blühenden Pfirsichgärten vorbei, ähnlich wie auf der Fahrt durch den Gotthard von Göschenen nach Airolo der Übergang vom Winter
1 Für das Geographische im weitesten Sinne verdanken wir das Beste den großen Mittelmeerwerken von THEOBALD FISCHER und ALFRED PHILIPPSON; für die antike Topographie der Pauluswelt den Arbeiten von W. M. RamsAy. Trefflich zur Einführung geeignet ist die Meisterskizze TH. FISCHERS in K. BAEDEKER Das Mittelmeer, Leipzig 1909, S. XXII—XXXIL.
2 Röm 1519—24. 3 Kol 311. * Kol 311 1 Kor 1411 Röm 114.
5 Gal 425. 6 2 Kor 1126.
7 Man darf die Paulusreisen nicht studieren, ohne sich die verschiedene Höhen- lage der passierten Orte zu vergegenwärtigen; vgl. unsere Karte, wo die Höhen in Meterzahlen angegeben sind. Daß Tarsus, Ephesus, Korinth keine nennenswerte Höhe haben und das syrische Antiochien bloß 80 m, Jerusalem dagegen 789, Damaskus 691 m, das pisidische Antiochien 1200 m, Jkonium 1027 m, Lystra etwa 1230 m, dies alles ist mir mindestens so interessant, wie die Frage nach den Adressaten des Galaterbriefes.
Kontraste des »Oberlandes« u. der Küstengebiete. 25
in den lachenden Frühling innerhalb einer halben Stunde er- lebt wird. Ebenso weisen auch die »Gefahren durch Räuber«! wohl mehr auf das innere Kleinasien hin?.
Den Gegensatz zwischen dem Inneren Kleinasiens und den Küstengebieten der paulinischen Welt® muß man mit in Rech- nung stellen, wenn man das Expansionsgebiet des Urchristen- tums richtig beurteilen will. Im inneren Hochland Regenarmut _ und die kalten Winter der Steppe; im Westen reichliche winter- liche Niederschläge und echtes Mittelmeerklima mit mediterraner Vegetation. Das Innere »abgeschlossenes Hochland fast inner- asiatischen Charakters«, Westkleinasien (und die benachbarten Küsten) »ägäisches Land mit griechischer Formenfülle und enger Wechselbeziehung in Natur und Geschichte zum Meer«. Dabei war aber doch eine »leichte und breite Berührung« beider Gebiete möglich.
Wer nacheinander Angora und Ephesus gesehen hat, oder Konia und Tarsus, hat den Gegensatz beider Gebiete und doch auch ihre enge Berührung unverwischbar deutlich vor Augen.
Wenn nun auch die roten Linien der Pauluspfade Tausende von Kilometern weit durch das »Oberland«? der innerkleinasia- tischen Gebirge führen, so schmiegen sie sich doch häufiger in zwei- oder dreifachen Parallelsträngen den Wegen der Küsten- gebiete und den Seglerstraßen and: in der Hauptsache ist die Welt des Apostels da zu suchen, wo der Seewind weht. Die Küstenwelt von Cilicien, Syrien, Palästina, Cypern, Westklein- asien, Macedonien, Achaia und weiterhin auch des fernen Wes- tens ist die Welt des Paulus.
1 2 Kor 1126.
2 Heute freilich sind auch die damals blühenden Küstengebiete des westlichen Kleinasien besonders für den einheimischen Reisenden zum Teil gefährlich. Vgl. die Schilderungen von ALFRED PHILıppson Reisen und Forschungen im westlichen Klein- asien, I. Heft (PETERMANns Mitteilungen Ergänzungsheft Nr. 167), Gotha 1910, S. 6 ff. — Die Gegend von Milet bot uns, als wir, verirrt, an einem Aprilabend 1906 nach Sonnenuntergang die Mäandersümpfe durchritten, und tags darauf im Hause eines unmittelbar vorher von den Räubern erschossenen Griechen zu Didyma einen dras- tischen Kommentar zu den »Gefahren durch Flüsse, Gefahren durch Räuber« 2 Kor 1126.
3 [ch fuße hier auf der gedrängten Charakteristik dieses Gegensatzes, die der jetzt beste Kenner ALFRED PHILIPpson Reisen und Forschungen im westlichen Klein- asien I S. 20 gegeben hat.
4 AGesch 191 za avwreoıza uEon- 5 Vgl. die Karte.
26 Das Herz der paulinischen Welt. Die Welt des Paulus ein Kosmos.
Das Herz dieser paulinischen Welt aber ist zweifellos der wundersame Bezirk, den man den ägäischen nennen könnte: der Kreis Ephesus-Troas-Philippi-Thessalonich-Korinth-Ephesus hat die gewaltigste Arbeit des Paulus gesehen. Uns zeigt sich diese Tatsache am deutlichsten in dem Umstande, daß fast die sämtlichen im Neuen Testament geretteten Paulusbriefe für den ägäischen Bezirk oder doch in ihm geschrieben sind.
Ein Kosmos ist die Welt des Paulus, — im wahrsten Sinne eine Welt. Auf hohen ragenden Herrschergipfeln endlose Fern- sichten über grüne üppige Ebenen und die sonnenbeglänzte See bietend, und hier wie auch ‚in wilden Schluchten und rauschenden Hainen die Schauer der Gottesahndung erregend, läßt sie in Licht und Luft eine Menschheit emporwachsen, die mit weitaufgeschlossener Seele die Stimmen vom Himmel und die Rätsel des Hades zu deuten vermag. Durch die reiche Glie- derung der Küsten mit ihren zahllosen sicheren Buchten und durch ihre als Brückenpfeiler der Ost-West-Straßen dienenden Inseln die Mutter der Schiffahrt und des Weltverkehrs, hat sie die Kühnsten und Besten ihrer in uralten Städten gesammelten Menschheit, Helden, Künstler und Kaufherren, Forscher und Sänger und Propheten zu Wanderern gemacht und jene Kultur schaffen lassen, auf der wir heute alle stehen.
Wer sich, ohne Geograph von Fach zu sein, diese Mittel- meerwelt, die die Welt des Paulus ist, mit einer einzigen plastischen Formel charakterisieren will, mag sie nennen die Welt des Ölbaums, und er würde mit dieser Formel auch inner- halb der uns bekannten Beobachtungen des Paulus selbst bleiben, der im Römerbrief, freilich mit ganz anderer Pointe, die Heidenwelt mit einem wilden Ölbaum vergleicht!.
Die Welt des Paulus die Welt des Ölbaums! Wer heute aus unserem germanischen Norden südwärts fährt, der bleibt zunächst lange in seiner eigenen Welt; der Aufdruck der Fahr- scheine wechselt ein wenig, die Zeitungen an den Bahnhöfen werden andere, die norddeutschen und die süddeutschen Schaffner lösen sich ab, aber man merkt keine Kulturgrenze. Man fährt schlafend in die Schweiz ein oder nach Frankreich,
i Röm 1117 ff.
Die Welt des Paulus die Welt des Ölbaums. 37
und man weiß am Morgen nicht sogleich, ob man noch in Baden oder im Elsaß ist oder schon über die Grenze. Dann aber kommt ein Moment, der uns aus dem Norden in den Süden versetzt wie mit einem einzigen Ruck. Das ist der Augenblick, wenn man, Genua zueilend, etwa am Luganer See, oder, nach Marseille fahrend, im Rhönetal südlich von Valence und nörd- lich von Avignon den ersten Ölbaum sieht. Manch einer, der zu Hause als Knabe sich um Ostern Weidenpfeifen geschnitten hatte, hat diesen ersten Ölbaum aus der Ferne verkannt und ihn für einen alten Weidenbaum gehalten, durch die Ähnlich- keit des knorrigen Stammes und des silbergrauen Blätterwerks getäuscht. Andere sehen gern in dem mit goldenen Äpfeln bela- denen Orangenbaum den typischen Baum des Südens und Ostens. Aber für die antike Zeit trifft das nicht zu; der Orangenbaum ist relativ später Import. Auch der Feigenbaum, der noch jin Heidelberg und auf Norderney und Helgoland im Freien fort- kommt, ist nicht der charakteristische Baum der Mittelmeer- welt. Vielmehr jener erste Ölbaum von Lugano oder Avignon mit seinem knorrigen Wuchs und seinem düsteren Ernst ist der Süden und ist die Levante.
Von dieses Baumes Voreltern träufelte der Segen auf die Völker: ein ungeheures Stück menschheitlicher Kultur steht, mit dem Ölzweig bekränzt, vor dem Auge der Geschichte. Der Baum Homers, der Baum des Sophokles, ist der Ölbaum als das lebendige Symbol der Einheit der Mittelmeerküstenwelt der Baum auch der Bibel Alten und Neuen Testaments, und in den Namen Ölberg und Gethsemane (das heißt Ölkelter) wie auch in dem Titel und Namen Messias, Christus (der Gesalbte) wirkt der Ölbaum hinein in die tiefsten Werte und hehrsten Worte unserer heiligen Überlieferung. Ohne Olivenproviant übrigens wäre auch die Weltwanderung des Paulus nicht denk- bar; insbesondere auf seinen Schiffahrten wird die Frucht des Ölbaums dieselbe Rolle gespielt haben, die sie noch heute auf den levantinischen Dampfern und Seglern namentlich für die Matrosen und Deckpassagiere hat. Eine Hand voll Oliven, ein Stück Brot, ein Schluck Wasser — mehr bedarf der Levantiner nicht.
Die Welt des Paulus die Welt des Ölbaums! Es gibt eine
98 Die Ölbaumkarte u. die Karte der jüd.-christl. Diaspora.
Karte der Verbreitung des Ölbaums in der Mittelmeerwelt 1. Selten habe ich aus einer Karte so viel gelernt wie aus dieser. Als ich sie zum ersten Male betrachtete, ohne ihren Titel zu beachten, sah sie mir aus wie eine Karte der jüdischen oder der urchristlichen Weltdiaspora.. Tatsächlich deckt sich die Ölbaumzone fast genau mit dem Gebiet der jüdischen Diaspora der Kaiserzeit2. Wahrhaftig, wir dürften die jüdische Diaspora benennen, wie sich eine der vielen Synagogen der antiken Reichshauptstadt genannt hat: Synagoge zum Ölbaum3! Auch Paulus hat ja die Judenheit dem Ölbaum verglichen 4 Aber die Ölbaumzone deckt sich, wenn man von Tunis, Algier und Marokko absieht, fast genau auch mit der Karte der pauli- nischen Mission ; frappant besonders ist das fast völlige Fehlen des Ölbaums in Ägypten, wo ja auch Spuren paulinischer Wanderungen ganz fehlen. Es kann zufällig sein, aber es ist doch sehr merkwürdig, daß fast alle wichtigen Namen aus der Geschichte des Paulus in der Ölbaumzone liegen: Tarsus, Jerusalem, Damaskus, Antiochien, Cypern, Ephesus, Philippi, Thessalonich, Athen, Korinth, Illyricum, Rom, (Spanien).
Relativ einheitlich ist diese Welt des Paulus zunächst in ihren klimatischen und sonstigen äußeren Kulturbedingungen ; die von uns gesehenen Vegetationskontraste zwischen Cilicien und Ephesus oder zwischen Antiochien und Korinth fallen nicht allzusehr ins Gewicht. In dieser ganzen großen Kulturwelt waren die Lebensmöglichkeiten besonders für den kleinen Mann wohl überall sehr ähnliche, in Essen und Trinken, in Kleidung und Wohnung und Arbeit.
Und politisch war ja dieser und der noch weiteren gesamten antiken Welt durch das Imperium Romanum ein einheitlicher Stempel aufgeprägt. Alexander und die Diadochen freilich
i Bei THEOBALD FISCHER Der Ölbaum. Seine geographische Verbreitung, seine wirtschaftliche und kulturhistorische Bedeutung (PETERMANNs Mitteilungen Ergänzungs- heft Nr. 147), Gotha 1904. In meiner Karte der Welt des Paulus ist nach ihr die Ölbaumzone durch den grünen Ton wiedergegeben.
2 Vgl. den auf meiner Karte blau signierten um das Mittelmeerbecken sich ziehenden Kranz von ca. 143 Städten mit jüdischer Diaspora der Kaiserzeit.
’ Zvvayayn ’Eialag, Corpus Inscriptionum Graecarım Nr. 9904.
* Röm 1117ff.
Klimatische, kulturelle, politische Einheit der paulin. Welt. 29
hatten mächtig vorgearbeitet. Deutlich spiegeln sich die vor Paulus liegenden weltpolitischen Jahrhunderte von Philipp und seinem Sohn bis zu den Cäsaren in vielen der griechischen Städtenamen wieder, die durch die Paulus-Überlieferung hallen: Antiocheia in Syrien und Anfiocheia in Pisidien, Seleukeia in Syrien und Aifaleia in Pamphylien, Laodikeia in Phrygien und (Alexandreia) Troas in Mysien, Philippoi und Thessalonike in Macedonien, Nikopolis in Epirus, Pfolemais, Kaisareia (Stratonos) und Anftipatris im syrischen und palästinischen Küstengebiet, — jeder dieser Namen istein Denkmal jener politischen Geschichte, die an der Vereinheitlichung der Welt des Paulus gearbeitet hatte.
Die Wichtigkeit dieser politischen Welteinheit für die kom- mende Weltreligion ist längst erkannt worden. Wenn man in Angora (Ancyra), der Hauptstadt des alten Galatien, die Paulus wahrscheinlich doch berührt hat, vor den Wänden des Augus- tustempels steht!, so hat man an einer etwas entlegenen Stelle der paulinischen Welt ein klassisches, vielleicht auch von Paulus dereinst gelesenes Selbstzeugnis jener politischen Welteinheit vor Augen: den hier erhaltenen lateinischen und griechischen Text des vom Kaiser Augustus selbst verfaßten Überblicks über seine Regierungstaten.
Obwohl in zwei Sprachen verfaßt, läßt dieses Monumentum Ancyranum doch nicht den Schluß zu, daß in der Welt des Paulus die lateinische Sprache damals ebensosehr Weltsprache gewesen sei wie die griechische. Namentlich bei den Groß- stadtmenschen, an die Paulus sich in seiner Welt gewandt hat, war, wie am deutlichsten sein griechisch geschriebener Brief an die Christen von Rom zeigt?, das Griechische die Verkehrs- sprache. Bis tief nach Syrien und Palästina hinein war das Griechische vorgedrungen ; insbesondere die großen Städte, das eigentlichste Arbeitsfeld des Paulus, stehen unter starkem hellenistischen Einflusse, sprachlich und allgemein kulturell. Zwar in Palästina war die lebendige Landessprache das auch von Paulus beherrschte® Aramäische; mit dem syrischen
ı 3. März 1909.
2 Die griechischen Katakombeninschriften der römischen Juden weisen ebenfalls darauf hin.
3 AGesch 2140.
30 _ Hellenismus. Sprachliche u. religiöse Einheit der Welt des ‚Paulus.
Antiochien setzte aber der Hellenismus um so stärker ein, und die größte Schwierigkeit, die sonst der Missionar hat, die Eroberung der Sprache und damit der Psyche des Heiden, war für Paulus in seiner Welt kaum vorhanden. Wie er den Juden ein Jude war von Kind auf, so war er auch den Hellenisten ein Hellenist1, weil er Sprache und Seele des Hellenismus mit der Luft von Tarsus eingeatmet hatte.
Einheitlich ist die Welt des Paulus schließlich auch durch einen breiten Unterstrom gemeinsamer volkstümlicher Über- zeugungen und Ausdrucksformen der Religion. Das naive geozentrische Welt- und Himmelsbild ist allen gemeinsam, im Osten und Westen. Jeder kennt ein Oben und ein Unten, das Hinab des Göttlichen vom Himmel zur Erde und das Hinauf des Menschlichen von der Erde zum Himmel. Durch diese ganze Welt des Paulus gehen, vom Osten zum Westen und vom Westen zum Osten, die Jahrtausende alten Überliefe- rungen von sichtbaren Epiphanien der Gottheit, von Trug und Bosheit der Dämonen, von menschgewordener Gotteskraft, welche die Mächte der Finsternis bezwingt. Und in dieser ganzen Welt des Paulus sehen wir ein gewaltiges Wandern von Pilgern, die an den großen Heiligtümern ihre Sünden ab- waschen und ihrer Not ledig werden wollen. Der aus der Diaspora des Westens nach Jerusalem reisende Jude trifft sich mit dem Ephesuspilger und dem zum Asklepios von Epidaurus strebenden Kranken vielleicht auf demselben Schiff, und jeder preist die Wunder seines Gottes in gläubiger Inbrunst.
So ist die Welt des Paulus, wie sie von der gleichen Woge bespült und von der gleichen Sonne gesegnet wird, auch von innen heraus nicht ein Chaos künstlich zusammengezwängter Fremdkörper, sondern ein Organismus von relativ großer Ge- schlossenheit.
Daß man diese Geschlossenheit der Mittelmeerkultur so oft verkannt hat, hat seinen Grund in einem ähnlichen Doktrina- rismus, wie wir ihn speziell in der Paulusforschung nicht selten beobachten können. Man hat die Kultur der Welt des Paulus viel zu sehr identifiziert mit ihrer Buchkultur. Und gewiß:
1 1 Kor 920£.
Doktrinarismus der Altertumsforschung. Nachtbilder der antiken Welt. 31
wenn man die griechisch-römische Literatur des ersten Jahrhunderts der Kaiserzeit neben die ältesten Aufzeichnungen der jüdisch-rabbinischen Wissenschaft aus der Zeit des Paulus legt, so empfindet man einen starken Kontrast, einen Kontrast nicht bloß der literarischen Produktionsmethoden, sondern hauptsächlich auch der seelischen Stimmung. Legt heute (viel- leicht ist diese Analogie nicht zu gewagt) den Vortrag eines islamischen Lehrers in einer Moschee von Damaskus neben das Kollegheft eines modernen italienischen Historikers, und ihr habt auch hier zwei Welten, die auseinanderklaffen. Aber vergleicht dann einen Handwerksmann oder Straßenhändler aus Damaskus mit seinem Berufsgenossen aus Neapel, und ihr habt wohl Menschen von wesentlich derselben seelischen Struktur vor euch.
Die Altertumsforschung hat lange Zeit den Fehler gemacht, daß sie den Begriff der antiken Welt aus der antiken Literatur ableitete.e. Aber die Literatur ist nur ein Teil der antiken Welt, und sie spiegelt, selbst nur fragmentarisch erhalten, bloß Frag- mente der Kultur der antiken Oberschichten wieder.
So ist denn auch das Bild der Welt des Paulus früher fast ausschließlich mit Hilfe der literarischen Quellen gezeichnet worden, und es ist im ganzen ein recht düsterer Hintergrund geworden, auf dem sich dann die Lichterscheinung des jungen Christentums um so leuchtender abhob. In eine verkommene, sittlich verfaulte und religiös bankerotte Welt sei das Evan- gelium eingetreten, das haben viele, unbewußt auch beeinflußt von den polemischen Superlativen der Kirchenväter, gelernt und gelehrt, weil sie die in der Literatur sich laut vordrängen- den Stimmen der Verneinung, des Zweifels, des Spottes, des zügellosen Lebensgenusses allein vernommen haben. Da die anderen Stimmen schwiegen, hat man wohl gemeint, sie seien niemals erklungen. Und Paulus selbst schien die düsteren Farben für das Nachtbild seiner Welt besonders reichlich zu spenden, wenn er im Römerbrief! und sonst? die Verkommen- heit seiner Umgebung mit dem ganzen Pathos des Bußpredigers schilderte.
1 Röm 124ff. 2 Vgl. namentlich die häufigen Lastertafeln.
32 Die unliterarischen Reste der antiken Welt. Menschenstimmen.
Aber man hat dabei die einfache Wahrheit vergessen, daß sich weder eine Einzelerscheinung noch ein Kulturkomplex durch eine einzige Formel beschreiben läßt. Die Welt des Paulus hat ihre tiefen Schatten, das ist ganz selbstverständlich; aber sie hat auch ihr reiches Licht, das sollte ebenso selbstverständ- lich sein. In demselben Römerbrief, der jenes Nachtbild groß- städtischen Trieblebens zeichnet, ist das ungeheure Wort formu- liert von dem Gesetz, das im Herzen der gesetzeslosen Heiden geschrieben und in ihrem Gewissen lebendig seil.
Und nun haben wir, besonders durch die großen archäo- logischen Entdeckungen des neunzehnten Jahrhunderts, Teile der Welt des Paulus wiedergefunden, die uns gestatten, neben den Schatten das Licht zu setzen. Es sind nicht bloß durch die Ausgrabungen in Kleinasien und Griechenland gewaltige Reste der Großstädte aus der Welt des Paulus wieder zutage gekommen, imposant besonders das durch britische und öster- reichische Arbeit enthüllte Ephesus und die durch deutsche Forschung wiedergewonnenen Städte Pergamon und Milet nebst dem großen Kultort von Didyma, sondern es sind in jenen un- literarischen Texten auf Stein, Papyrus und Tonscherben, die zu vielen Tausenden unsere Museen zieren, auch die scheinbar für immer verstummten Stimmen derunliterarischen Menschen aus der Welt des Paulus wieder hörbar geworden; in Briefen, Testamenten, Heirats- und Scheidungsurkunden, Rechnungen und Quittungen, Gerichtsprotokollen, Weihungen, Grabschriften und Sünden- bekenntnissen stehen diese Menschen vor uns, lachend und scheltend, liebevoll und kleinlich, boshaft und gütig.
Darin scheint mir die Hauptbedeutung dieser neuen Funde zu liegen, daß sie uns neben hochwichtigem Quellenmaterial für Sprachforschung, Rechts- und Kulturgeschichte lebendige Menschen zeigen, in größter Naturtreue, weil völlig ohne lite- rarische Pose und ganz im Werktagskittel ihrer Arbeit. Daß die als menschliche Dokumente interessantesten Blätter aus Ägypten stammen, hängt mit dem Klima dieses wunderbaren Landes zusammen. In Asien könnten’ Papyrusblätter nicht in der Erde liegen durch zwei Jahrtausende hindurch; in Ägypten
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Düstere und helle Farben der antiken Welt. 33
ist das möglich gewesen. Aber wir haben gewiß ein Recht, die psychischen und sonstigen Tatsachen, die sich aus jenen mensch- lichen Reliquien des hellenistisch-römischen Ägypten ergeben, zum großen Teil als typisch für die Welt des Paulus zu be- trachten.
Die Erforschung dieser unliterarischen Texte auf ihren seelischen Gehalt steht noch in den Anfängen; aber schon jetzt kann gesagt werden, daß das herkömmliche Bild jener sittlich und religiös verkommenen antiken Welt sich gerade durch diese Texte als ein Zerrbild erweisen läßt.
Zwar auch sie geben Beiträge zu den düsteren Seiten der Welt des Paulus; wir haben z.B. in den Papyri Dokumente der Unzucht!, der Bestechung?, des Raubes, der Vergewaltigung und des Diebstahls?, der Kindesaussetzung* und der zügel- losen Frechheit®, und leider läßt sich nicht sagen, daß solche Dokumente in der christlichen Zeit Ägyptens aufhören®. Aber reicher sind im ganzen doch die hellen Farben, die sich uns bieten. Das Familienleben in den mittleren und unteren Schichten erscheint hier in durchaus keinem nur ungünstigen Lichte; ganz besonders aber zeigt sich eine starke religiöse Er-
! Eine ganze Anzahl von Papyri gewährt einen Einblick in das Dirnenwesen, das sich ja auch in wiederholten Warnungen der Paulusbriefe reflektiert.
2 Vgl. die Klageschrift gegen ägyptische Beamte der Kaiserzeit, die sich haben bestechen lassen Pap. Class. Philol. I Nr. 5 (Archiv für Papyrusforschung 4 S. 174), auch das Edikt des ägyptischen Statthalters Tiberius Iulius Alexander 68 n. Chr., in dem ebenfalls Durchstechereien von Beamten gerügt werden (Archiv ebenda). Ja es sind mehrere Originalbriefe des 2. Jahrhunderts v.Chr. erhalten, in denen ein ge- wisser Peteyris (am wahrscheinlichsten ein Gefangener) »durch Versprechung von Bakschisch«, wie WILCKEN treffend sagt, die Freiheit zu erlangen sucht; er verspricht erst 5, dann 15 Kupfertalente (Archiv für Papyrusforschung 2 S. 578f.),. Auch die vielbesprochene Stelle AGesch 2228 ist wohl von hier aus zu verstehen: Claudius Lysias weist mit Seelenruhe auf die großen Bestechungskosten hin, die dem Erwerb seines Bürgerrechtes vorausgegangen waren. Man darf dagegen nicht altklug ein- wenden, das Bürgerrecht sei nicht käuflich gewesen. Vgl. auch AGesch 2426.
3 Vgl. die zahllosen Klageschriften in den Papyri.
4 Vgl. den Oxyrhynchus-Papyrus Nr. 744 (17. Juni 1 v. Chr.) Licht vom Osten S. 109ff. und die Berliner Griechische Urkunde Nr. 1104 (Alexandrien, 8 v. Chr.).
5 Vgl. den Brief des bösen Buben Theon an seinen Vater Theon, Oxyrhynchus- Papyrus Nr. 119 (2./3. Jahrh. n. Chr.) Licht vom Osten S. 137 ff.
6 Vgl. z. B. die in dem Oxyrhynchus-Papyrus Nr. 903 (4. Jahrh. n. Chr.) sich abspiegelnde recht unerfreuliche christliche Ehe,
Deissmann Paulus. 3
34 Religiöse Aufgeschlossenheit. Die soziale Schicht des Paulus.
griffenheit und Aufgeschlossenheit dieser Menschen, und hier sind auch die vielen religiösen Inschriften überaus lehrreich. Religiös bankerott war die Welt des Paulus keinesfalls; auch die Göttermischung und Götterwanderung vom Osten nach dem Westen und vom Westen nach dem Osten ist längst als ein Anzeichen starker religiöser Erregung erkannt. In der Areo- pagrede des Paulus in Athen wird den Athenern das Zeugnis ausgestellt, daß sie sehr fromm seien!; man darf dieses Urteil ruhig verallgemeinern auf die Welt des Paulus überhaupt, und auch vom religionsgeschichtlichen Standpunkte aus darf man sich das geniale Wort der Intuition des Paulus aneignen, daß das Zeitalter der Sendung Jesu Christi das Zeitalter des Pleroma sei?2, des gottgewollten normalen Termins für das Kommen des Heils. Wie wichtig innerhalb des religiösen Gesamtbildes der Welt des Paulus speziell das hellenistische Welt-Judentum war, braucht nur angedeutet zu werden: ein Blick auf unsere Karte zeigt ohne weiteres, was die Diaspora der Juden bedeutete.
Die Welt des Paulus kann nach allem, was gesagt ist, heute mit einem reicheren Arbeitsmaterial rekonstruiert werden, als es unseren wissenschaftlichen Vorfahren möglich war, die wesentlich mit literarischen Stoffen gearbeitet haben. Und es kann jetzt auch nach demjenigen Stück Welt, aus dem Paulus selbst herausgewachsen ist, wenigstens gefragt werden, ich meine die soziale Schicht des Paulus.
Die ältere Paulinismusforschung mit ihrem einseitigen Inter- esse an den blutlosen und zeitlosen Präparaten von Para- graphen der »Lehre« des Paulus hat sich um das Problem der sozialen Schicht des Paulus nicht bekümmert. Erst die Be- schäftigung der jüngeren Generation .mit dem Riesengespenst der heutigen sozialen Frage hat auch das Interesse für die sozialen Dinge der Vergangenheit geweckt und allmählich ver- tieft. Und mit vielen glaube ich, daß das Problem der sozialen Schicht des Paulus eine bedeutsame Spezialfrage des Themas »die Welt des Paulus« enthält.
1 AGesch 1722 zara nuvra wg deıoıdamoveorigovg vuas FEweo. J 5 = ’ ? Gal 44 018 d& jAdEv TO nANEwua Tod xo0vov, L&aneoreılev 6 Heöc Tor x - viov avTod.
Wert u. Grenze der Milieu-Forschung. Der Zeltmacher Paulus. 35
Wenn man einen Menschen verstehen will, so ist es von großer Wichtigkeit, die soziale Schicht zu kennen, aus der er stammt und zu der er sich gestellt hat. Nicht, als wäre der Mensch einfach ein Produkt seiner Umgebung, das mechanisch ausgerechnet werden könnte. Das Genie und der Schwätzer können ihre Heimat haben im Palast so gut wie in der Hütte. Das eigentlich Individuelle des Menschen und ganz besonders des großen Menschen ist ein Mysterium, das sich nicht ent- schleiert, auch wenn wir das Milieu des Menschen ganz genau kennen. 3
Aber gerade wenn wir den letzten Gehalt einer Persönlich- keit durch die Erforschung seiner Umwelt nicht analysieren zu können glauben, sind wir in der Lage, unbefangen das zu würdigen, was die Milieu-Forschung tatsächlich zu leisten ver- mag. Kann sie uns auch nicht in das Herz eines Menschen blicken lassen, so kann sie uns doch die Linien und Schwielen seiner Hand deuten und diesen oder jenen interessanten Zug seines Antlitzes verstehen lehren. Wir möchten wahrhaftig die Kunde nicht missen, daß Jesus aus einem Handwerkerhause in ländlicher Umgebung kommt, und daß Luther der Sohn eines Bergmanns und der Enkel eines Bauern gewesen ist. So wollen wir auch den Spuren nachgehen, die auf die soziale Schicht des Paulus hinweisen. i
Sicher scheint mir da zu sein, daß Paulus von Tarsus, ob- wohl seine Vaterstadt ein Sitz hoher griechischer Bildung war, nicht aus der literarischen Oberschicht, sondern aus den hand- arbeitenden unliterarischen Schichten gekommen und auch bei ihnen geblieben ist. Die unscheinbare Notiz der Apostel- geschichte!, Paulus sei Zeltmacher gewesen und habe in Korinth als solcher gearbeitet, hat hier eine überaus große Bedeutung, Man muß sich freilich den Zeltmacher Paulus nicht als einen bücherschreibenden Gelehrten vorstellen, der sich zur Erholung von der Kopfarbeit eine Stunde oder zwei als Amateur an den Webstuhl gesetzt habe; man muß ihn auch nicht, als sei der Handwerker-Missionar eine Schande für das vornehm gewordene Christentum, mit dem Titel eines »Zeltfabrikanten« verunzieren.
1 AGesch :183 70@v y&o oxmvonouol cn TEyym. 3*
36 »Kein geschenktes Brot!«. Das antike Handwerk im heutigen Orient,
Er war vielmehr ein einfacher Mann, der in dem Handwerk die wirtschaftliche Grundlage seiner Existenz hatte.
Mehrere mit Stolz ausgesprochene Bekenntnisse der Briefe zeigen, daß Paulus als Missionar seinen ganzen Lebensunter- halt durch seiner Hände Arbeit verdient hat! Derb werden von dem »Tag und Nacht«? arbeitenden Manne, der selbst »kein geschenktes Brot gegessen hat«®, die frommen Faulenzer von Thessalonich angefahren‘; die große Bedeutung des Lohn- gedankens bei Paulus wird durch die Erkenntnis verständlicher, daß einem um Lohn Arbeitenden, dem der Lohn nicht Gnade, sondern Recht istö, dieser volkstümliche Bilderkreis besonders naheliegt, und das Bild von dem »nicht mit Händen gemachten« Zelt, das wir dereinst von Gott erhalten®, ist im Munde eines Zeltmachers doppelt ergreifend. Auch die »große« Handschrift des Apostels? erklärt sich wohl am besten als die schwerfällige, ungelenke Schrift einer verschafften Arbeiterhand, und von hier aus fällt auch Licht auf die bereits erwähnte Tatsache, daß Paulus seine Briefe am liebsten diktiert hat: das Schreiben war ihm wohl nicht besonders bequem, und vielleicht hat er manche seiner Briefzeilen bei der Arbeit selbst diktiert.
Im heutigen Orient lebt das antike Handwerk in vielen seiner charakteristischen Erscheinungen gewiß noch fort. Die Beobachtungen, die man da namentlich im Innern Anatoliens und Syriens machen kann, sind höchst lehrreich. Wenn man in einem Seitengange des Bazars von Damaskus einen Färber mit seinen nackten blauen Armen in die Farbengruben hinein- langen sieht, erinnert man sich, daß man genau dieselbe Färber- bude irgendwo schon einmal gesehen hat; jawohl, in Pompeji, wo vor fast zweitausend Jahren die Zunftgenossen dieses Färbers an denselben Gruben standen und mit denselben blauen Armen - dasselbe Wollgarn aus der Brühe heraufzogen. Und so mochte uns der alte Weber, den wir in Tarsus in der Nähe des »Paulus- tors« an seinem ärmlichen primitiven Webstuhl ein grobes Zeug
! 1 Thess 29 2 Thess 33 1 Kor 412 und das ganze Kapitel 9.
2 1 Thess 29 2 Thess 38.
® 2 Thess 38 oVdE dwgedv KpTov Eyayousv nap« Tıvoc. 4 2 Thess 310. 5 Röm 44. 6 2 Kor 51 oixlav aysıgonolntov.
? Gal 611 idere nmAixoıg dulv yoruuacıv Eypaya y Lu xeugl.
Paulus kein »Proletarier«, aber unterhalb der literar. Oberschicht. 37
machen sahen!, wenigstens die Ahnung vermitteln, wie es in einer antiken Weberwerkstatt ausgesehen hat. Lange wird freilich der schwermütige Takt dieses antiken Webstuhls viel- leicht nicht mehr in Cilicien zu hören sein: in der großen modernen Baumwollspinnerei von Tarsus surren die englischen Maschinen längst von einem anderen technischen Zeitalter, und die Erforscher der Urformen menschlicher Arbeit mögen sich beeilen, mit ihren Apparaten Handgriff und Rhythmus des im Osten konservierten antiken Handwerks festzuhalten.
Es wäre nun aber doch verfehlt, den handarbeitenden Paulus in dem bei uns üblichen Sinne des Wortes einen »Proletarier« zu nennen. Schon die Tatsache, daß er als römischer Bürger geboren war, weist darauf hin, daß seine Familie nicht in ganz kleinen Verhältnissen gelebt haben wird. Auch als Freigeborener steht er sozial über den vielen Sklaven seiner Gemeinden. Und wir haben eine Möglichkeit, uns an diesem Punkte noch besser zu orientieren, in der Sprache des Apostels.
Eine genaue Prüfung des Wortschatzes der paulinischen Briefe®? hat gezeigt, daß Paulus kein literarisches Griechisch schreibt; und diese Beobachtung ist eine Bestätigung unserer These, daß seine Heimat und sein historischer Standort unter- halb der literarischen Oberschicht liegen. Aber bei aller starken Volkstümlichkeit des Wortschatzes und bei deutlichem Vor- herrschen des Tones der Umgangssprache ist sein Griechisch nicht eigentlich vulgär in der Art, die auf vielen gleichzeitigen Papyri zu Worte kommt. Auf Grund der Sprache ist Paulus vielmehr einer gehobenen Schicht zuzuweisen. Es ist ja ge- wiß überhaupt unendlich schwierig, das Problem der antiken Schichtung zu beantworten; auch bei unserem Versuch, die soziale Schicht des Paulus zu gewinnen, sind wir uns bewußt, nur tastend vorwärtszukommen. Aber wer überhaupt das Problem anerkennt, wird wenigstens darin eine relativ sichere Linie bemerken, daß wir Paulus unterhalb der literarischen Oberschicht und oberhalb der rein proletarischen untersten Schichten stellen.
Wenn man dann schließlich fragt, nach welcher Seite der
1 21. März 1909. 2 AGesch 2228. 3 THEODOR NÄgeLı Der Wortschatz des Apostels Paulus, Göttingen 1905.
38 Die Masse der Kleinen u. die Führerpersönlichkeit.
so in der Mitte stehende Apostel mehr neigt, so muß die Ant- wort lauten: er gehört seiner ganzen Struktur nach, seinen Sympathien und Lebensbedingungen nach viel mehr zu den mittleren und unteren Schichten, als zur Oberschicht... Er ist kein Emporkömmling. Als Missionar hauptsächlich in der un- literarischen Masse der Großstädte wirkend, ist Paulus aber auch nicht gönnerhaft herabgestiegen in eine ihm fremde Welt, sondern er ist in seiner eigenen sozialen Welt geblieben.
Wir wollen nun die ermittelbaren Züge seiner mensch- lichen Persönlichkeit betrachten ; diese Betrachtung wird uns zeigen, daß Paulus, wesens- und blutsverwandt den unliterari- schen Schichten seiner Welt, in dem Menschengewimmel der Kleinen nicht untergeht, sondern über die antike Masse als Führerpersönlichkeit weit emporragt.
8 Der Mensch Paulus.
Über das Äußere des Menschen Paulus ist nichts Sicheres überliefert. Wir sind wie die Christen von Kolossä und Lao- dicea, die sein »Antlitz im Fleisch nicht gesehen haben«!. Seine jüdische Abkunft, auf die er stolz gewesen ist?, werden ihm die Leute von Ephesus und Korinth gewiß angesehen haben. Und ein Mann, der vielleicht schon das fünfte Jahrzehnt seines Lebens überschritten hatte, ist der Paulus der uns erhaltenen Briefe; er nennt sich selbst einmal den »alten Paulus«3. Eine antike Beschreibung seines Aussehens in einem apokryphen Bucht schildert ihn als eine durchaus nicht imposante Erscheinung, und denkt man an die zahlreichen Bekenntnisse körperlicher Schwäche, die sich durch seine Briefe ziehen, so mag man finden, daß jene Beschreibung in der Hauptsache, daß Paulus nämlich nicht durch äußere Vorzüge der Statur oder der Ge- sichtszüge hervorragte, vielleicht richtig ist.
Es gibt weder Bilder noch Büsten des Paulus; selbstver- ständlich nicht: wer hätte in seiner Zeit daran denken sollen, seine Züge für die Nachwelt festzuhalten, da man doch nicht einmal das Antlitz des Meisters selbst verewigt hatte? Auch wenn die altjüdische Scheu vor dem Bilde nicht im Wege ge- standen hätte, die ganze Stimmung des urchristlichen Zeitalters war viel zu sehr von dem kommenden neuen Äon beherrscht, als daß man an das Interesse: zukünftiger irdischer Generationen für die äußeren Züge des Heilands und seiner Apostel hätte denken. können. Ebensowenig haben sich die Künstler. des Marmors und der Farbe, die zahlreiche Bilder der Cäsaren und
1 Kol 21 0001 00% &00uxaV.TO NE00WNOV uov Ev oMexl. 22 Kor 1122 Phil 35 Röm 111... . : ? Philemon 9 ög IlavAog nesoßurng. % Paulusakten 3. 5 2 Kor 129 134 u. a. ’< - Er
40 Das Äußere des Paulus. Das Fehlen gleichzeitiger Bildnisse des Apostels.
der kaiserlichen Frauen oder der Feldherren und führenden Literaten geschaffen haben, an Paulus herangedrängt. Wer hat denn in der offiziellen Welt von dem obskuren Wanderprediger Notiz genommen ?
Der Christuskult war zur Zeit des Paulus die verborgene Sache kleiner unbekannter Leute in den Großstädten der Mittel- meerküsten. Wenn Paulus gelegentlich schreibt, der Glaube einer christlichen Gemeinde sei »in der ganzen Welt« bekannt!, so meint er in liebenswürdiger antiker Hyperbel?2 den Mikro- kosmos der christlichen »Welt«3, nicht die große offizielle Welt, ebenso wie eine heidnische Grabinschrift von der sonst unbe- kannten Ägypterin Seratus und ihren Verwandten rühmt, ihre Sittsamkeit sei »in der ganzen Welt« bekannt“, oder wie ein christlicher Brief späterer Zeit von einem (Bischof?) Johannes sagt, sein Ruhm gehe durch die ganze Welt5. Und wenn Paulus bei Lukas6 einmal betont, die Tatsachen seines christlichen Lebens seien »nicht im Winkel« geschehen, so spricht auch dieses apologetisch prägnante Wort nicht gegen die These, daß der neue Kult und seine führenden Persönlichkeiten der großen Welt zunächst so gut wie unbekannt waren, und daß wir also weder in der zeitgenössischen Literatur noch in der gleichzeitigen Kunst Reflexe des Menschen Paulus finden können.
Es muß uns daher genügen, was Paulus selost über sein Bild sagt”: es sei das Bild des aus Erde geschaffenen Adam; nach diesem irdischen Bilde aber werde er das Bild des zweiten Adam tragen, das Bild Jesu Christi, des zur pneumatischen Herrlichkeit verklärten Herrn.
ı Röm 18 &v 6A to x00u@, vgl. Kol 16 1 Thess 18.
2 Hyperbel des Hasses ist es, wenn der päulinischen Mission vorgeworfen wurde, sie bringe die ganze Welt in Aufruhr AGesch 176 245. — Man sollte übrigens auch die volkstümlichen Hyperbeln von der »ganzen Welt« Luk 21 und AGesch 1128 nicht pressen.
3 Vgl, 1 Thess 18 mit 2 Thess. 14.
4 Archiv für Papyrusforschung 5 S. 169 @»v xal 7) 0@PEOCUN zara ToV x0cuov AEAuANTaL. : Kl
5 Archiv für Papyrusforschung 4 S. 558.
6 AGesch 26% oö yao Eorıv &v ywrla nenpayusvov Tovro.
? 1 Kor 154 zei xa9wg Epop&oausv Tyv Elxova Tod Xoixod, Yyog&owusv zul nv Eixova Tod Enovgaviov.
Das Adamsantlitz. Der echte Mensch. Der große Mensch. 41
Also das Antlitz eines Menschen blickt uns an, wenn wir vor Paulus stehen, ein Adamsantlitz, auf dem alles geschrieben steht, was das zwiespältige Schicksal der Adamssöhne ist: sie sind »Gottes Abbild«!, und sie sind doch der Sünde und dem Tode unterworfen.
Es ist leider nicht überflüssig, die echte Menschheit des Paulus stark zu betonen; die traditionelle Auffassung hat nur zu oft entweder eine pergamentene weltfremde Heiligengestalt aus ihm gemacht, oder den Menschen hinter dem System ver- schwinden lassen. Es gehört zu den erfreulichsten Fortschritten der Paulusforschung, daß man sich in den letzten Jahrzehnten für den Menschen Paulus stärker interessiert hat, nachdem noch FERDINAND CHRISTIAN BAUR in dem für seine Zeit klassischen Buche »Paulus«3 die »die Individualität betreffenden Züge« des Apostels bloß anhangsweise berührt hatte.
Gerade für den Menschen Paulus sind nun die als vertrau- liche unliterarische Kundgebungen aufgefaßten Briefe von der größten Ergiebigkeit. Jeder Paulusbrief ist, wie wir sahen, ein Paulusbild, ja in mehreren Briefen wechseln in rascher Folge die Momentbilder des Mannes, die er unbewußt hinterlassen hat, seine Seele nicht bloß, sondern auch das Drohen und Lächeln seines Gesichtes in die Worte hineinprägend.
Ganz werden wir ihn freilich auch trotz dieser trefflichen Selbstzeugnisse nicht rekonstruieren können. Das liegt im Wesen der historischen Forschung begründet, die, soweit sie sich mit Menschen beschäftigt, immer an einem bestimmten Punkte Halt machen muß, weil jenes Mysterium anfängt, das sich auch der raffiniertesten und sensibelsten psychologischen Kunst nicht ganz enthüllt.
Immerhin ist uns ein großes und wesentliches Stück des Menschen Paulus zugänglich. Und der eine tiefe Eindruck ist das Ergebnis jeder auch bloß raschen Beschäftigung mit seinen Briefkonfessionen: der Mensch, von dem diese Fragmente stammen, ist ein großer Mensch, ein ungewöhnlicher Mensch
ı 1 Kor 11r. .2 Röm 512ff. 1 Kor 1522. 3 Paulus, der Apostel Jesu Christi. Sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehre. Zweite Auflage (besorgt von EDUARD ZELLER), Leipzig 1866f.
43 Heraklitische Gestaltungskraft. Die Polaritäten des Paulus.
von ungewöhnlichster Begabung. Schon eine rein formale Be- obachtung würde das auch denen klarmachen, die sich bei der Erkenntnis menschlicher Größe gern von formalen Gesichts- punkten leiten lassen: die geniale, geradezu heraklitisch plasti- sche Gestaltungskraft, über die Paulus verfügt und zwar mühe- los verfügt, zeigt die quellende Frische seines schöpferischen Wesens. Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig,
wer bloß diese lapidare Zeile! geschaffen hätte, wäre um dieser Zeile willen unsterblich.
Die Juden.fordern Zeichen, die Griechen trachten nach Weisheit, das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft?, die Gnosis bläht auf, die Liebe erbaut‘, unser Wissen ist Stückwerk®, der Geist ergründet alles, auch die Tiefen Gottes ®, hundertmal blitzt und funkelt es so in den Briefen, die doch nicht berechnet sind auf den Beifall der literarischen Salons, sondern anspruchslos und still zu Unbekannten kamen, um ihnen in ihren Nöten zu helfen durch die Kraft von oben. Da haben wir überall nicht die überlegte Künstlichkeit des den Rhythmus abzählenden Rhetorikers, sondern die natürliche Aus- strahlung verborgener Größe. Setzen wir einmal den Fall, alle diese lapidaren Einzelworte seien uns nicht in ihrem Brief- zusammenhang überliefert, sondern in Fragmenten durch die antike Literatur eines Jahrtausends zerstreut, wie die Worte Heraklits von Ephesus, — der Herausgeber, der sie zum ersten Male zusammenstellte, würde uns Fragmente eines Heros zeigen.
Die menschliche Größe des Paulus offenbaren aber noch mehr die gewaltigen Polaritäten seines Wesens. Paulus hat in seiner Persönlichkeit Raum für Gegensätze, die den kleinen Menschen rettungslos zersprengen würden, und die den klein- lichen Paulusforscher mit so zahlreichen Problemen belasten,
1 2 Kor 36 TO yao yoduua anoxtevveı, TO d& nveüua Cwonoıel.
2 1 Kor 122 Tovdazoı onuEle alrovam zal "Eiinves soplav Sntovouv. ® 1 Kor 40 0v yag Ev Aöyo N Baoıdeia tod Iso0, aA &v dvrauen. *1Kor&n ‚yasıs yvaıot, n dt ayann olxodouei. 5 1 Kor 139 &x uEgovg yao yıraozouer,
° 1 Kor 210 76 yae nvsüua navıa Eoavvd, zul ta Ba9n Tod Yeov.
Innere Spannung. Die Kraft in der Schwachheit, 43
daß er sich Luft machen muß durch Broschüren und Bücher über die Unechtheit und die Interpolationen der Paulusbriefe. Den Paulus haben jene Gegensätze nicht zersprengt; sie gaben seinem Innern die gewaltige Spannung, die sich in der Energie seines großen Lebenswerkes auslöste.
Die deutlichste Polarität liegt in dem Kontrast seines elenden Körpers und seiner physischen Leistungsfähigkeit. Schwach und krank ist sein armer Leib gewesen; ein zerbrechliches »irdenes Gefäß« nennt er ihn selbst!, oder der Zeltmacher vergleicht ihn mit dem leichten Zelthaus, das keine Dauer hat?. Von einem heftigen Krankheitsanfall spricht er im Galaterbrief, und es scheint eine Krankheit mit ekelerregenden Begleiterscheinun- gen gewesen zu sein?®. Am bekanntesten aber ist sein Hinweis auf ein schweres chronisches Leiden mit zeitweiligen überaus schmerzhaften Anfällen:
einen Dorn im Fleisch, einen Satansengel, der mich mit Fäusten schlägt
nennt er dieses Leiden“, und wir können nicht feststellen, auf welche spezielle Krankheit diese Symptome hinweisen. Einzel- vermutungen sind oft versucht worden, aber ohne genügende Sicherheit; die spärlichen Andeutungen des Paulus selbst mahnen zur Vorsicht. Wir wissen nur von dem dreimaligen Gebete des Verzweifelnden zum Heilande um Heilung, Hilferufen, die, schein- bar unerhört geblieben, doch eine geradezu göttliche Erhörung gefunden haben®:
Laß dir an meiner Gnade genügen ! Denn Kraft ist es, die sich voll aus- wirkt erst in der Schwachheit.
Kraft in Schwachheit! Darin liegt die Polarität, die wir meinen: dieser hinfällige Körper ist bedeckt mit den Narben zahlreicher Mißhandlungen. Eine Steinigung hat er erduldet, fünfmal hat er die furchtbare Strafe der neununddreißig Peit- schenhiebe von der jüdischen geistlichen Gerichtsbarkeit er- halten, dreimal die staatliche Züchtigung durch Rutenschläge.?
1.2 Kor 47 &v Öorowxivoıg oxevsoı. 2 2 Kor di. 3 Gal 413. 14. 4 2 Kor 127 0x0Aow ty ougxi, ayyslog Darava, Ivo us xoAaplön. 5 2 Kor 128. i
6 2Kor 129 doxei v0 7 xaoıs uov' n yag duvanuıs Ev aodevelg Teiziran. 2 75,25Kor 112381. '
44 Die Neununddreißig. Leiden des Wanderers.
Was das heißt, mag man sich von unseren Zuchthausbeamten sagen lassen, die der disziplinaren Bestrafung renitenter Sträf- linge beiwohnten. Schon nach dem fünften Schlage oft beginnt das Blut zu spritzen, nach zwanzig Schlägen ist der Rücken eine zerfetzte blutige Masse. Wir besitzen im Mischna-Traktat Makkoth noch die Instruktion für den Synagogenwärter, der die Geißelung zu vollziehen hatte »mit seiner ganzen Kraft«, während einer der Richter Bibelworte verlas. Lange nicht jeder Sträfling hatte die physische Kraft, die Neununddreißig zu er- tragen, manche starben unter der Hand des Wärters: darum »schätzte« man den Delinquenten vorher ein, z. B. ob er etwa bloß achtzehn Hiebe ertragen könne. Die Paragraphen dieses ganzen Traktates! sind ein erschütternder Kommentar zu jener einfachen Zeile des zweiten Korintherbriefes. ’ Zu alledem kommen Entbehrungen in Hunger und Frost, Durst, Hitze und Schiffbruch und das Martyrium häufiger Ver- haftungen. Und er mag wohl öfter an sich selbst erfahren haben, was er bei seinem Genossen Timotheus beobachtet hat2, und was wir noch heute im Orient oft erleben können: daß der Trunk Wasser, den der Verschmachtende endlich gefunden hatte, schlimme Krankheitskeime in sich barg. Wenn Paulus gelegentlich auch scherzt?: für alles und für jedes habe ich die Weihen erhalten, fürs Sattsein und fürs Hungerleiden, — die nur scheinbar monotone Aufzählung der Leiden im zweiten Korintherbriefe* redet doch deutlich genug; sie spiegelt die klimatischen Schwierigkeiten wieder, denen der kränkliche Mann ausgesetzt war, aber auch die ganze Grausamkeit jenes Fana- tismus, der wie ein fressendes Feuer durch die Geschichte des religiösen Orients wütet von der Abschlachtung der Baalspfaffen bis zur Steinigung des Stephanus und von den alexandrinischen Judenmetzeleien unter Caligula bis zu den Christenmassacres von Adana, Tarsus und Antiochien im Jahre 1909.
i Jetzt bequem zugänglich in den kleinen Ausgaben von HERMANN L. STRACK, Leipzig 1910 und Gustav HÖLSCHER, Tübingen 1910.
2 i Tim 53,
3 Phil 412: 2v navıl xal Ev nacıy usuönuaı, xal gootalsodeı xal near.
* 2 Kor 1123ff., vgl. auch 1sif. Arff. 6aff. 1210 1 Kor 49—13 1531f. Röm 835f,
Leiden und Leistung des Wanderers. 45
Und nun sehen wir, daß der kranke, mißhandelte, durch Hunger und vielleicht durch Fieber entkräftete Mann ein Lebens- werk vollbringt, das schon als bloß physische Leistung unsere Bewunderung herausfordert. Man messe einmal die Kilometer- zahl nach, die Paulus zu Wasser und zu Lande zurückgelegt hat, und vergleiche sie mit den von den modernen Archäologen und Geographen bewältigten Strecken.
Oder man versuche selbst, den Pauluswegen heute nach- zuwandern. Man sitzt, den Kaiserpaß und diplomatische Em- pfehlungen in der Tasche, im bequemen modernen Wagen der Anatolischen Bahn und fährt in der Abenddämmerung auf dem von Ingenieurkunst und Dynamit durch die Felsen und über die Ströme gezwungenen Schienenweg dem Ziel entgegen. Während wir, an diesem Ziel telegraphisch angemeldet, mühe- los über die Paßhöhe dahinfliegen, sehen wir beim letzten Schein des Tages tief unten die antike Straße schmal und steinig den Paß erklimmen, und auf dieser Straße eilen ein paar Menschen zu Fuß oder zu Esel oder, wenn es hoch kommt, zu Pferd der kärglichen schmutzigen Herberge zu. Sie muß erreicht werden, ehe die Nacht völlig hereinbricht, denn die Nacht ist keines Menschen Freund, die wilden Hunde der rohen Hirten stellen sich wütend in den Weg, Räuber trachten nach dem Mantel und dem Reittier, und die Dämonen des Fiebers drohen den Erhitzten und Ermüdeten aus der kalten Nachtluft, die bereits von den Seitentälern herniederweht.
Oder geht einmal aus dem modernen Levante-Hotel mit Lift und französischer Speisekarte in den armseligen Khan auf der Paßhöhe der syrischen Tore am Weg nach Antiochien, und schlaft eine einzige Nacht auf dem harten Holze seiner un- sauberen Pritschen, gepeinigt von übeler Luft, Kälte und Un- geziefer. Oder fahrt auf einem großen Mittelmeerdampfer des Norddeutschen Lloyd vom Osten her Italien zu; der Sturm, der euch in finsterer Nacht hin- und herwirft und vielleicht ein wenig seekrank macht, der aber das gewaltige Schiff von seiner Bahn nicht verdrängen kann, schleudert den kleinen Segler, der ohne Gestirn und Instrument das Spiel der Wellen ist, auf Riff oder Sandbank, und tagelang treiben die wenigen Geretteten auf den Trümmern des Wracks verschmachtend umher.
"
46 Demut und Selbstgefühl. Depressionen und Siegesstimmung.
Auf jener dunkel werdenden Straße haben wir Paulus ge- sehen, auf jenem harten Holz suchte der müde Paulus Er- quickung, und Paulus war es, der auf jener Schiffsplanke hin- und hertrieb, einen Tag und eine Nacht!, Paulus, der schwer- leidende Mann. Ich hatte das große Glück, 1906 und 1909 auf meinen zwei anatolischen Reisen fast allen Pauluswegen nach- gehen zu dürfen; einer der nachhaltigsten Eindrücke dieser zumeist mit modernen Verkehrsmitteln gemachten Fahrten ist die unsägliche Bewunderung vor der rein physischen Leistung des Wanderers Paulus, der wahrhaftig nicht grundlos sagen konnte, daß er seinen Körper mit Fäusten schlage und als Sklaven bändige?. Kraft ist es, die sich auswirkt in der Schwachheit!
Eine andere Polarität seines Wesens ist diese. Paulus ist von großer Demut und doch auch wieder fähig, Worte von wahrhaft grandiosem Selbstgefühl auszusprechen. Charakte- ristisch ist hier besonders das Bekenntnis des ersten Korinther- briefes3:
Ich bin der geringste von den Aposteln. .. .. Von Gottes Gnaden aber bin ich,
was ich bin. .... Ich habe mehr gearbeitet als sie alle; nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.
Das sind keine Phrasen, sondern echte Bekenntnisse; mit fast griechischem Schauder vor der Hybris* verbindet sich männ- liches Kraftgefühl: vor Gott ein Wurm, vor Menschen ein Adler!
Mit seiner körperlichen Schwäche, aber gewiß auch mit seiner ganzen seelischen Struktur hängt es zusammen, daß tiefe innere Depressionen mit gewaltigen Momenten völliger Freiheit und sieghaft trunkener Weltüberwindung wechseln. Vom »ängst- lichen Harren der Kreatur« spricht er aus eigenster Erfahrung’, von Niedergeworfenwerden, von Beengungen, Nöten, Ängsten, schweren Sorgen nicht minder®6; Todessehnsucht zittert durch
1 2 Kor 1135 vugY9nueoov Ev TO BvIo nenoinze.
2 1 Kor 927 üUnwnıalo uov 10 0@ur xal dovieywyo.
3 1 Kor 159. &yo yao zim 6 EAdxıoros TWv ANOCTOAWV .... . xagırı de 9200 eiul 0 elut . . . . NEELOOOTEEOY KVTWV TAVTWV Exoniaon, 00x &y@ dE alic n xaoıs Tov YE0V 00V Euol.
4 Vgl. die häufigen Warnungen der Paulusbriefe vor dem Prahlen.
5 Röm 8198f. 7 anoxeoadoxie ng xtioewg.
6 2 Kor A4sif. 64ff. 1 Kor 49ff, u. a. Stellen.
Ein De profundis u. ein Überwinderpsalm. Weichheit u. Härte. 47
seine Seele!, und doch ist ihm das Abbrechen des irdischen Zeltes ein grauenvoller Gedanke?. Für alles Menschenleid hat er, aus seinem eigensten Erleben heraus, den einfachsten und doch wuchtigsten Akkord gefunden in dem De profundis des Römerbriefes3: Ich armseliger Mensch !
Und derselbe Mann jubelt doch wieder auf in völligem Hinaus- gehobensein über alle Nöte und Rätsel dieses Lebens“ Es ist eine üble Psychologie, wenn man die Worte der Depression bloß auf die vorchristliche Zeit des Paulus deutet und in den Worten aus der Höhe bloß den Christen Paulus reden läßt. Auch als Christ noch ist Paulus von Abgründen verschlungen worden, wie er gewiß auch schon als frommer Jude die Berge geschaut hat, von denen unsere Hilfe kommt.
Enge mit dieser Polarität seines Erlebens berührt sich eine andere. Paulus ist eine weiche Natur. Er weint, und er spricht mit antiker Naivetät von seinem Weinen. Er betritt mit Scheu, »mit Furcht und Zittern« eine neue Stätte seiner Missionsarbeit.6 Er ist der innigsten Empfindung fähig, nennt die Mutter eines Freundes volkstümlich gemütvoll seine eigene Mutter”, schreibt wie ein Vater®, ja er empfindet mütterlich9. Worte der rührendsten Liebe fließen von seinen Lippen. Denkmäler dieser Weichheit sind besonders der Philipper- und der Philemonbrief, beide voll des treusten Zartgefühls. Auch das große dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefes, das Hohe Lied der brüder- lichen Liebe, ist aus seiner brüderlichen Seele hervorgeströmt, und in dem Spiegel dieses Stromes sehen wir das zarte Gemüt des Menschen Paulus aufs deutlichste.
Zu Zeiten aber ist dieser weiche, zärtlich schmeichelnde und gegen andere gelegentlich auch sehr tolerante!0 Paulus
t Phil 123. 272 Kor 52ff.
3 Röm 724 taAcinwgog yo AVIOWNOG. * Am großartigsten Röm 835ftf.
5 2 Kor 24 Phil 318 vgl. AGesch 2019. 31.
8 1 Kor 23 &v» aodeveia zul Ev YOR@ xal Ev Toouw noAlo.
7 Röm 1613. 8 1 Thess 211 1 Kor 414f. usw.
9 Gal 419 vgl. 1 Thess 27.
10 Vgl. besonders sein Verhalten gegen die »schwachen« Brüder 1 Kor 8 Röm 141—1513.
48 "Polemik. Ironie. Paulus u. Luther.
hart; er schreibt wie ein Zuchtmeister, er grollt, und wie Blitze zucken seine Zornesworte auf die Schuldigen herab!. Der Ein- druck solcher Worte auf die davon Betroffenen ist nieder- schmetternd: höhnisch werfen ihm die Gegner vor2, der bei persönlicher Anwesenheit so schwächliche Paulus schreibe aus der Ferne grobe und strenge Briefe. Noch charakteristischer ist, was Paulus selbst über die Wirkung eines (nicht mehr vor- handenen) aus tiefer Depression geschriebenen? Briefes an die Korinther erfahren hat?: der Brief hat die Gemeinde zunächst aufs schwerste gekränkt; vielleicht haben die Korinther ihn im ersten Zorn zerrissen oder später absichtlich beseitigt, weil so viel für sie Peinliches darin stand, — so würde sich der Untergang dieses gewiß prachtvollen Briefes am leichtesten er- klären.
Namentlich seinen Gegnern gegenüber ist er unerbittlich hart; vor dem bittersten Ton nicht zurückschreckend, prägt er Kampfesworte von einer geradezu fanatischen Derbheitd, deren tötende Schärfe man freilich dann kaum noch empfindet, wenn 'aufgeregte Epigonen, die nicht wert sind, ihm die Riemen seiner Sandalen zu lösen, sich heute vermessen, sein Schwert in die Hand zu nehmen. Selbst am guten Willen der Gegner hat Paulus gelegentlich gezweifelt®.
Besonders eine Beobachtung ist hier typisch: Paulus ist voll von Ironie, von unerbittlicher ätzender Ironie’. Viele seiner Worte sind nur so überhaupt verständlich; wie eine Degenklinge vibrieren sie, wenn man sie als ironische Kampfes- ‚worte erfaßt hat.
Paulus erinnert mit diesem Nebeneinander von Milde und Härte, wie ja überhaupt, an Luther; man vergleiche den köst- lichen Brief. des Reformators an seinen Sohn Hänsichen und seine tödlichen Streitworte gegen das Papsttum.
Es ist begreiflich, daß eine solche polare Persönlichkeit auf die Menschen einen sehr verschiedenen Eindruck gemacht hat.
! Vgl. den Anfang des Galaterbriefes und viele andere Stellen.
2 2 Kor 1010. 3 2 Kor 24; vgl. oben S. 9. 42 Kor 7sfi.
5 Gal 512 Phil 32.18 2 Kor 1113#f. 20 Röm 1618.
6 Gal 17 24 417 612. 7 Vgl. als besonders typisches Beispiel 2 Kor 11.
Paulus in der Karikatur seiner Gegner. 49
Selten ist wohl jemand zugleich so glühend gehaßt und so leidenschaftlich geliebt worden wie Paulus.
Er zitiert mitunter Urteile seiner Gegner über ihn, die, ob- wohl natürlich Karikaturen, höchst lehrreich sind. In der Nähe sei er demütig, in der Ferne voll Courage!; seine Briefe seien grob und kräftig, bei persönlicher Anwesenheit aber. sei er schwächlich und sein Wort nichtig?; er wolle Menschen be- schwatzen®; er schreibe nicht, was er denke; er sei ver- rücktd. Ja, man ist nicht davor zurückgeschreckt, ihm Betrug, Unsauberkeit, List nachzusagen® und von Veruntreuungen zu zischeln, die er sich in Geldsachen habe zu schulden kommen lassen”. Man begreift nun die umständliche Vorsicht, mit der Paulus die ganze Kollektensache betrieben hat. Diese kleinen vom Obolos und Denar lebenden Menschen seiner Gemeinden, diese Mißgünstigen, die selbst, wie Paulus einmal sagt, »ein- ander beißen und auffressen«, und die, wegen ihres armseligen Haders um Bagatellsachen vor dem heidnischen Richter pro- zessierend, die Brüderlichkeit dem Gespött preisgeben, waren (das ist die Kehrseite der sozialen Struktur des jungen Christen- tums) ordinärer Verdächtigung und nichtswürdigem Klatsch über einen großen Menschen nicht unzugänglich. Fehlten doch nach dem eigenen Zeugnis des Apostels in der korinthischen Gemeinde wenigstens nicht Leute, die es früher mit dem Mein und Dein selbst wohl nicht ganz genau genommen hatten, »Diebe« und »Spitzbuben« sagt Paulus derb!%. So sicher die Gegner mit diesem ganzen Klatsch dem Apostel bitteres Un- recht getan haben, so lag in anderen Vorwürfen vielleicht ein Körnchen Wahrheit, freilich unwahrhaftig verwertet. Wir können das besonders gut an einem Falle sehen; die Gegner haben einmal die Impulsivität des Paulus, mit der er einen Reiseplan geändert hatte, zu seinen Ungunsten ausgenutzt!i: er sage leichtfertig Ja Ja und Nein Nein in einem Atem.
Aber auch Belege für eine geradezu schwärmerische Ver-
12 Kor 101. 2. 2 2 Kor 1010. 3 Gal 110. 4 2 Kor 113, 5 2 Kor 513. 6 1 Thess 23f. ? 2 Kor 1216. 8 Gal 515 @AAnAovg daxvere xal xureohlere. ® 1 Kor (1-11. 10 yAlnııaı ... aonayes 1 Kor 611 vgl. mit 10. Sonst vgl. Eph 42. 11 2 Kor 117. Deissmann Paulus. 4
50 Schwärmerische Verehrung des Paulus. Der antike Mensch.
ehrung fehlen nicht. Paulus erinnert seine Galater an die Zeit ihrer ersten Liebe, als sie ihn »wie einen Engel Gottes, ja wie Christum Jesum selbst« aufnahmen und sich »selig gepriesen« hätten, wenn sie für ihn »ihre Augen hätten ausreißen« dürfen; noch tiefer, weil stetiger, haben ihn, wie der an sie gerichtete Brief zeigt, die Philipper geliebt.
Aus alledem dürfen wir Rückschlüsse ziehen auf die Per- sönlichkeit des Paulus: selbst weich und hart, hat er die Menschen, die mit ihm in Berührung traten, zu Freunden oder zu Feinden gemacht. Die behagliche Ruhe des Alltagsmenschen hat er nicht gekannt; er ist durch die Gluten und Stürme von Liebe und Haß hindurchgeschritten.
Daß der Mensch Paulus, der uns bis jetzt beschäftigte, ein antiker Mensch gewesen ist, ist gewiß selbstverständlich. Aber als Warnung vor jedem Versuche der Modernisierung sei der Satz doch ausdrücklich formuliert. Dabei soll man freilich nicht vergessen, daß in den großen Bewegungen der Menschenseele der Unterschied zwischen dem sogenannten modernen Menschen und dem antiken Menschen kein allzu großer ist. Aber das historisch geschärfte Auge erkennt die wirklich vorhandenen Unterschiede.
Die Welt des Paulus ist jene antike Welt, die wir in ihren Umrissen zu zeichnen suchten, und die antike naive Kosmologie mit ihrem Oben und Unten ist der Hintergrund seiner religiösen Gewißheiten. Echt antik ist sein Dämonenglaube, der an vielen Stellen der Briefe durchschimmert. Wie zahllose andere antike Menschen, deren Bleitafeln mit Spruch und Fluch sich bis heute erhalten haben, ihre Gegner den Göttern der Unterwelt »über- antworten«?, so »überantwortet« er die Lästerer Hymenaeus und Alexander dem Satanas?, und so rät er auch den Korinthern zur feierlichen »Überantwortung« eines Frevlers an den Sata- nas* Das Gegenbild ist etwa die Abschiedsszene in Milet>, bei der Paulus zu den Ältesten der Versammlung von Ephesus sagt:
Und nunmehr übergebe ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade.
1 Gal 413ff. „ Vgl. Licht vom Osten S. 226f, 31 Tim 1%. 41 Kor 53—5. 5 AGesch 2032.
Die Kultur der antiken Großstadt als Hintergrund des Paulus. 51
Von den Ränken des Satanas weiß er viel zu sagen!, aber er vertraut auch, daß Gott den Argen unter den Füßen der nn in Bälde zermalmen wird?.
Den antiken Menschen Paulus sehen wir auch überall da, wo die soziale Kultur der antiken Großstadt als der Hintergrund seiner Mission erscheint. Seine Bildersprache spiegelt, stark verschieden von der taufrischen und farbenfrohen ländlichen Bildersprache des Galiläers Jesus, diese antike Großstadtkultur wieder, den Sport des Stadions?, das Militärwesen#, die Skla- vereid, das Rechtsleben und besonders die Szenen vor dem Gericht®, Theater”, Haus und Familienleben®, Bauwesen, Hand- werk10, Handel!! und Schiffahrt. Am meisten haben ihn wohl interessiert das Militär und das Rechtsleben. Die Bilder aus dem Landleben dagegen sind selten und meist noch kon- ventioneller als die anderen.
Aus einzelnen Briefstellen können wir, wenn wir gelernt haben, Fragmente zu betrachten, Szenen großstädtischen antiken Volkslebens wiederherstellen13. Wir ahnen das Treiben in dem Makellon zu Korinth, dem Bazar der Fleischer, wo das ver- schiedene Fleisch ängstlichen Christen schwere Gewissens- skrupel bereitet!#; nachher, wenn das vielleicht vom heidnischen Götzenopfer stammende Fleisch im Hause eines Heiden ge- braten aufgetragen wird, kann es den zum Gastmahl etwa ge-
ı 1 Thess 218 2 Thess 29 1 Kor 75 2 Kor 211 44 1114 127 Eph 611f. 1 Tim 515 2 Tim 226. 2 Röm 1620.
31 Kor 924 Phil 314 2 Tim 47f. (diese Stelle ist ganz im Stil einer Wett- kämpferinschrift gehalten, Licht vom Osten $. 232) usw.
4 1 Thess 53 Eph 610ff. Philemon 2 1 Kor 97 143 2 Kor 103ff. Phil 225 2 Tim 23. Charakteristisch ist besonders das Bild des Triumphzugs 2 Kor 214 Kol 215.
5 Zahlreiche Stellen.
$ Zahlreiche Stellen, insbesondere die Verwertung der Begriffe xarazxolvew verurteilen und dıxaıovv rechtfertigen (= freisprechen).. Wenn Paulus Röm 325 be- sonders betont, daß Gott uns umsonst (ohne daß wir ihm etwas bezahlen, dwge«») freispreche, so stehen im Hintergrunde dieses Bildes wohl irdische bestechliche Richter (vgl. AGesch 2426).
7 1 Kor 49 Röm 132. 8 Viele Stellen. 9 1 Kor 310ff. vgl. insbesondere das wichtige Bild der Erbauung, 10 Röm 921. 11 Eph 114 2 Kor 122 55 217. 2 1 Tim 119,
13 Die Jesusworte sind an diesem Punkte freilich noch weit ergiebiger; sie sind geradezu klassische Dokumente der Volkskunde Palästinas, 4 1 Kor 102. 4*
52 Momentbilder aus der Paulusmission. Belebung der Briefe.
ladenen Christen Schwierigkeiten machen!. Wir sehen den mit seiner Aufklärung protzenden Gnosis-Christen sogar im heid- nischen Tempel mitschmausen, ein Skandalon für den ihn giftigen Blickes beobachtenden asketisch düsteren »schwachen« Bruder? der, »schwach im Glauben«3, doch stark ist im »Richten«* und »Lästern«5. Oder wir hören das Klirren der Steuer- und Zoll- münzen in den Amtsstuben der Einnehmer®, unter denen es nicht an groben Ehrenmännern fehlt, die, wie Paulus lächelnd andeutet, nicht bloß verlangen, daß man zahlt, sondern auch, daß man zittert”. Stark ironische Lichter wetterleuchten über die Studierten: die heidnischen Redekünstler mit ihrer Weisheit und eingedrillten Rhetorik® und die jüdischen Schriftgelehrten, mit denen nurGeschäfte zu machen sind, wenn man Mirakel feilbietet9. Von dem Zank derer, die um einer Erbärmlichkeit willen zum Richter laufen 1, und von den Nachtgemälden sittlicher Großstadtfäulnis! haben wir schon gesprochen ; drastische Momentbilder ziehen in den Haustafeln des Kolosser-12 und des Laodicener- (»Epheser«-) Briefes13 und auch in den lebens- kundigen Mahnungen der Pastoralbriefe an uns vorüber, Blicke gestattend besonders in das innere Leben der Familien; mit der Kultur der Umwelt ist ihr Ethos durch einen breiten Untergrund gemein-antiker sittlicher Überzeugungen verbunden 4. Prachtvoll plastisch aber wird der antike Mensch Paulus, wenn wir seine Briefe auf den in unseren Tagen aus dem Schutte wiedererstehenden Trümmern der Schauplätze seiner Arbeit lesen; wenn wir, benommen von der schwülen Einsam- keit der Ephesus-Landschaft, in dem Theater, das die Volks- szene von Apostelgeschichte 19 gesehen hat, in einem in Ephesus entstandenen Briefe von den vielen ephesinischen Widersachern des Apostels lesen 5, — oder wenn wir auf der Höhe von Akro-
11 Kor 810. 2 1 Kor 10 27#f. 3 Röm 141.
% 1 Kor 102. 5 1 Kor 1030. 6 Röm 137.,
” Röm 137p. Im Urtext hübsches Wortspiel zwischen 000g Steuer und p6ßog Angst: TO TOV 0009 ToV Y0EoV, ... To Tov YOßov Tov Woßor.
8 1 Kor 119ft. 24. 13. ° 1 Kor 120. 2. 10 1 Kor 61fl.
11 Röm 124ff. Gal 5ıgff. usw. 12 Kol 312—41. 13 Eph 515—69,
14 Vgl. Licht vom Osten S. 232 ff, die Andeutungen über antike Volksethik im Neuen Testament. Das Thema würde eine genauere Behandlung lohnen.
15 1 Kor 169.
Paulus und Seneca. Paulus der »Unbekannte«. ” 53
korinth, das die Segler nach Ephesus und Palästina tragende Meer zur Rechten, den nach Rom weisenden korinthischen Golf zur Linken, den Römerbrief aufschlagen, den Brief, in welchem drunten in Altkorinth Paulus den Blick von Jerusalem bis Rom und Spanien gerichtet hat!. Da wird der antike Paulus lebendig, der Untertan des Kaisers Nero, der Zeitgenosse des Seneca.
Der Zeitgenosse des Seneca! Der christliche Epigone, der nachmals einen Briefwechsel zwischen Paulus und Seneca ge- schaffen hat, hat den Apostel auch direkt zu dem Literaten gestellt; tatsächlich stehen beide nicht nebeneinander. Vor dem Bruder des Seneca, dem Prokonsul von Achaia Gallio, hat Paulus einmal als Verklagter gestanden?; das einer späteren Zeit interessantere Thema »Paulus und Seneca« mag aus dieser korinthischen Begegnung erwachsen sein. Paulus gehört aber nicht zu dem Philosophen. Seneca steht bei der dünnen Ober- schicht, Paulus steht bei der Masse der Mühseligen und Be- ladenen. Er wäre für die aristokratischen Literaten seiner Zeit, wenn sie ihn überhaupt beachtet hätten, durchaus der homo novus gewesen. Aber er ist, und damit müssen wir einen bereits angedeuteten? Gedanken hier weiterspinnen, seinem Säculum nicht weiter aufgefallen. Kein einziger zeitgenössi- scher Historiker hat ihn erwähnt. Er war eben kein Mann der Literatur, der durch seine Werke auffiel, kein Mann der Wissen- schaft, dessen Theorien der Bildung imponierten. Das Auf- treten dieses einen religiösen Wanderpredigers ist neben den vielen Sendboten anderer Kulte in den Großstädten der Mittel- meerküsten damals nicht mehr beachtet worden, als heute das Auftreten eines amerikanischen Adventisten in Hamburg oder in Berlin. Das Wort seiner Gegner, er sei ein »Unbekannter<#, das wohl heißen soll, man kenne ihn im Kreise der echten Apostel Jesu nicht, enthält, auf die Stellung des Paulus in der Welt angewandt, eine tiefe Wahrheit.
Hier steht Paulus ganz anders als Luther. Luther ist seit 1517 mitten in die große Öffentlichkeit gestellt, als Mann der Literatur, als Reformator, Politiker und Organisator. Paulus ist
1 Röm 1519. 231. 2 AGesch 1812ff., vgl. unten Beilage 1. 3 Vgl. oben S. 40. * 2 Kor 69.
54 Kontrastempfindungen des homo novus. Die Verständlichkeit der Briefe.
in der Stille geblieben ; zum welthistorischen Menschen wird er erst lange nach seinem Tode.
Wie Paulus den Abstand der überwiegenden Mehrheit seiner Missions-Christen von der Oberschicht der Bildung, der Macht und der edlen Geburt in glühenden Worten des ersten Korinther- briefes! festgelegt hat, so empfindet er auch für seine eigene Person diesen Abstand und bringt ihn zum Ausdruck, wenn er sich einen »Laien in der Rede« nennt?, die »Menschenweis- heit« ironisch behandelt? und sich den Weisen, Schriftgelehrten und Dialektikern gegenüber als den Verkünder der göttlichen »Torheit« bezeichnet?, oder wenn er die Weisen so gut wie die Ungelehrten als seine Missionsobjekte betrachtet®”. Auch aus der Bitterkeit des leidenschaftlichen Bekenntnisses, die Apostel seien von Gott als die»Letzten«hingestellt, als»Kehricht« und» Aus- wurf« der Menschheit, gut genug, der Welt, den Engeln und den Menschen als Schauspiel zu dienen (wie die wilden Tiere und die Verbrecher des Zirkus) — spricht jene Kontrastempfindung der großen Welt gegenüber. Auf das unliterarische Griechisch der Briefe darf schließlich auch hier noch einmal verwiesen werden.
Wenn man einwendet, die Paulusbriefe, die uns heute doch so viele exegetische Rätsel aufgeben, seien für einfache Men- schen zu »hoch«, Paulus müsse doch ein »gebildetes: Publikum als Leserkreis im Auge gehabt haben, so ist darauf zu erwidern, daß die Schwierigkeit der Interpretation nichts gegen unsere Auf- fassung beweist: es gibt gleichzeitige Papyrusbriefe, die sicher aus den unteren Schichten stammen, von ihren Empfängern sicher verstanden worden sind, und die doch (oder soll ich sagen: deshalb ?) für uns unglaublich schwierig zu verstehen sind. Zudem sind zahlreiche »Schwierigkeiten« erst durch die dogmatische Mißhandlung in die Paulusbriefe künstlich hinein- gebracht worden. »Einiges Schwerverständliche« bleibt natür- lich; das hat schon ein alter Leser der Briefe richtig beob- achtet”. Aber deshalb sprachen die sechs Unbekannten®
! 1 Kor 126ft, 2 2 Kor 11e. 3 1 Kor 21ff. 6—10 319fi. u. a.
* 1 Kor 118— 2%. 5 Röm 114. 6 1 Kor 49—13.
7 2 Pe 316 dvavonta Tıva.
® »Gewiß lauter Plebejer« sagt HArnack Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten II? (Leipzig 1906) S. 238.
Die Märtyrer von Seilli. Paulus wächst. Der Kosmopolit. 55
Speratus, Nartzalus, Cittinus, Donata, Secunda und Vestia, die Märtyrer von Scilli, die am 17. Juli 180 vor dem Prokonsul zu Protokoll geben mußten, was in ihrem Kasten liege, doch ge- wiß nicht von unverstandenen Hieroglyphen, sondern von ihrem seelischen Eigentum, als sie antworteten!:
die bei uns gebrauchten Bücher und dazu die Briefe des frommen Mannes Paulus.
Auch heute gibt es zahlreiche unstudierte, aber bibel- und lebenskundige Christen, die in den Hauptsachen die Paulus- briefe gut verstehen. Daß Paulus selbst das Bewußtsein gehabt hat, zu einfachen, »unmündigen«, »schwachen« Leuten zu schreiben, zeigen gelegentliche Äußerungen.
Verliert Paulus etwas, wenn man ihn so als homo novus der führenden Schicht seiner Zeit gegenüberstellt? Ja, er ver- liert etwas: die Stelzen, die man ihm gegeben hatte. Und er wird auf seine eigenen Füße gestellt, auf den Wert seiner eigenen Persönlichkeit. Wir bemessen ihn nicht mehr nach dem, was er von außen angeblich oder wirklich erhalten hat, sondern nach dem, was er von Hause aus ist. Durch die Per- sönlichkeitskraft, die in diesem homo novus in unverbrauchter Urwüchsigkeit vorhanden war, ragt Paulus über die Masse, die ihn umgibt, empor, wächst seine Gestalt auch über die be- rühmten Zeitgenossen aus der Oberschicht hinaus: es gibt keinen Einzigen aus den Tagen Neros, der in den Seelen der Menschen dauernd solche Spuren hinterlassen hat, wie der homo novus Paulus.
Der kosmopolitische Zug, den dieser Unbekannte da und dort deutlich zeigt, ist die einzige stille Weissagung auf seine welthistorische Zukunft. Paulus von Tarsus ist nicht eingeengt gewesen durch die Wände seiner Werkstatt oder durch die schmalen, düsteren Gäßchen seines Ghetto. Er ist Weltbürger, den Juden ein Jude, den Hellenisten ein Hellenist”. Dem römischen Staat, dessen Bürger er ist“, steht er freundlich
i Akten der Seillitanischen Märtyrer (griechische Fassung, herausgegeben von UsEneR): ei xu9° Huas BißAoı zul ai mooosmırovrog EnuoroAal HavAov Tod öclov avdoog.
2 1 Kor 31ff. Röm 619. 3 1 Kor 920f. 4 AGesch 2235ff.
56 . Weltliche Bildung des Paulus. Paulus und das Heidentum.
gegenüber, ja er hat gelegentlich die kolossalen Gedanken hin- geworfen, daß die Staatsregierung etwas Göttliches sei und daß ‘ zum Wesen dieser Regierung die Macht gehöre!. Wie haben diese Briefzeilen des Zeltmachers nachmals die Staatstheorien der Kanonisten und der Juristen befruchtet!
Zudem hatte von der ihn umbrausenden Weltkultur des Ostens und Westens seine weite Seele vieles ohne gelehrte Dressur eingesogen, nicht zuletzt ethisches Gemeingut?. Das, was man seine weltliche Bildung nennen könnte, ist nicht ein- gedrillt, sondern eingeatmet. Den Rhetoren hat er manches abgelauscht, von den Dichtern sind ihm Kernworte und im Volksmund lebende Zeilen3 vertraut; mit den Rhythmen klopfen- den asianischen Prosaikern hat er sich freilich nicht einge- lassen‘, und das spricht für seine Vernunft. Über das Heiden- tum hat er, aus eigener Anschauung, seine eigene Meinung: die übliche Polemik des Judentums gegen Bilderdienst und Un- sittlichkeit der Völker benutzt auch ers, aber er hat nicht wie ein kleinlich dogmatischer Zelot das Heidentum als solches für völlig gottverlassen gehalten:
Ist Gott bloß für die Juden da? Nicht auch für die Völker ? Wahrhaftig, auch
für die Völker! ® Er findet bei den Heiden jenes ungeschriebene Gesetz des Ge- wissens”?, traut ihnen ein sittliches Gefühl zu8, und er liest auf den Altären des Heidentums eine Weihung, die er als Sehn- suchtsruf nach dem Einen Gott deutet®.
Daß er eine solche Inschriftzeile nicht wie ein moderner Epigraphiker interpretiert, ist selbstverständlich. Paulus be- trachtet alles vom Religiösen aus.
Damit sind wir zu dem letzten deutlichen Zuge des Menschen Paulus gekommen, zu dem Zuge, der welthistorisch der eigent-
ı Röm 131—. 2 Vgl. oben’ S. 52.
3 1 Kor 1533 AGesch 173 Tit 112.
* Vgl. Theol.Literaturzeitung 31 (1906) Sp. 231ff. meine eingehende Kritik der Hypothese von FRIEDRICH BLAss,
5 Röm 118—32 Gal 215.
6 Röm 3% 7 'Iovdalom 6 YE0G uovov; ovyl xal £Ivov; vol xal £Ivar.
7 Röm 214f. 8 1 Kor 51.
° AGesch 1723. Eine der athenischen Inschrift wahrscheinlich ähnliche Weihung ist kürzlich in Pergamon gefunden worden; vgl. unten Beilage 2.
Der religiöse Genius. Mystisch-ekstatische Begabung. 57
lich triebkräftige werden sollte. Was diesen bedeutenden Men- schen zu dem gemacht hat, was er geworden ist, das ist seine religiöse Begabung.
Paulus gehört zu den wenigen Menschen, auf die man den viel mißbrauchten Ausdruck »religiöser Genius« mit Fug und Recht anwenden darf. Er ist eine mystisch-prophetische Natur, und gegenüber diesem Zuge verschwindet das Theologische fast ganz. Er ist mystisch-prophetisch auch in dem außergewöhn- lichen Sinne, daß er ekstatischer Erlebnisse fähig ist. Zwar vor dem wilden Treiben entfesselter heidnischer! und christ- licher? Massenekstase hat er ein Grauen, und in Korinth, wo es einmal vorgekommen war, daß ein Ekstatiker Jesum ver- flucht hatte?, hat er einen Kampf gegen das theoretisch von ihm durchaus anerkannte Zungenreden geführt Aber er selbst hat glossolalische Begabung® und weiß selbst von eigenen datierbaren® Ekstasen und besonderen Offenbarungen zu er- zählen. Entrückt in den dritten Himmel, in das Paradies, hat er »unsagbare Worte« gehört, »die ein Mensch nicht aussprechen darf”. In Stunden der Gebetsunfähigkeit hat der Geist plötz- lich von dem Schwachen Besitz ergriffen und hat stellvertretend für ihn gebetet in »unaussprechlichen Seufzern«8®. Oder der Be- gnadete hört die Stimmen der oberen Welt auch in verständ- lichen Worten, und Träume werden ihm zu göttlichen Winken 10,
Der aufgeklärte Philister lächelt über die Irrungen der Schwärmer, der korrekte Dogmatiker übergeht das Mystische am liebsten oder verweist es in die philosophische oder medi- zinische Fakultät. Der Religionshistoriker weiß, daß die für ihn rätselvollen Erlebnisse der großen »Schwärmer« die Kraft- quellen der Religionsgeschichte sind. Wer dem antiken Men- schen Paulus das Mystische nimmt, versündigt sich an dem
Pauluswort!i: Blast den Geist nicht aus!
1 1 Kor 122. 2 1 Kor 1423. 3 1 Kor 123. 4 1 Kor 14. 5 1 Kor 1418. 6 2 Kor 122 Gal 21. Zur Datierung der Ekstase vgl. Jesaia 61: >»Im Jahre, da der König Usia starb... .« 7 2 Kor 122—4. 8 Röm 826f. 9 2 Kor 129 AGesch 2217ff. 94ff,. usw. 2023 166. 7. 10 AGesch 169 27231. 11 1 Thess 519 zo nvsvua un oß&vvvre.
58 Der homo religiosus von Gottes Gnaden.
Wir wollen das heilige Feuer brennen lassen, dessen Glut wir in den Briefen spüren: Paulus ist, im tiefsten Sinne des Wortes, ein homo religiosus von Gottes Gnaden.
Und diese für die unaussprechlichen Mysterien seligster Gottesgemeinschaft prädestinierte Seele war in eine Menschen- gemeinschaft hineingeboren, in der die gewaltigsten Erlebnisse von heroischen Heiligen der Vorzeit, wenn auch in Spruch und Buchstaben gebannt, nachzitterten, und der die Religion ihr Ein und Alles war: Paulus der religiöse Mensch ist als Jude ge- boren und aufgewachsen.
4. Der Jude Paulus.
Wer in den Tagen der Kaiser Augustus und Tiberius durch die Gassen einer hellenistischen Großstadt der Mittelmeerküsten- welt wanderte, der sah, nachdem er die glänzenden Marmor- tempel der alten Götter und die Heiligtümer der neueinge- wanderten Gottheiten bewundert hatte, in einem der einfacheren Stadtviertel wohl auch ein schlichteres gottesdienstliches Ge- bäude, ohne Altar. Wenn es hoch kam, war es mit einem Weinlaub- oder Ölzweigfries geziert, sonst aber fast ohne äußeren Schmuck und im Inneren ohne Götterbild und mit kahlen Wänden. Der Blick des Eintretenden fiel nur auf einen Schrein mit Buchrollen, und wenn der Hüter sich herbeiließ, sie dem Fremden aufzurollen, so sah man, daß sie in griechi- scher Großschrift beschrieben waren. Ein Lesepult und Sitz- bänke, Leuchter und Lampen vervollständigten das kärgliche Inventar des Raumes.
In der Weltstadt Alexandrien, wo die um jene Buchrollen sich scharenden Gemeinden Tausende von Mitgliedern hatten und hohe Beamte, reiche Händler und bedeutende Literaten in ihren Listen führten, mag das alles kostbarer und imposanter ausgesehen haben. In anderen Städten aber wird jenes gottes- dienstliche Gebäude nicht besser gebaut und ausgestattet ge- wesen sein, als die meisten Synagogen der heutigen orienta- lischen Judenschaft, wie ich sie in Konstantinopel, Chalkis, Tiberias besucht habe. Ein vor mehreren Jahren entdeckter Inschriftstein, der in der Kaiserzeit über dem Türeingang einer korinthischen Synagoge gewesen ist!, trägt die heute ver- stümmelten Worte »Synagoge der Hebräer« in derselben über-
1 Abbildung und Text Licht vom Osten S.9.
e.=
60 Die Judensynagogen in den antiken Weltstädten. Die Septuaginta.
aus rohen und ärmlichen Buchstabenform, die uns auch aus anderen jüdischen Inschriften jener Zeit bekannt ist.
Ein stiller und doch religionsgeschichtlich überaus wirkungs- voller Protest gegen den Bilderdienst des polytheistischen Heiden- tums sind diese unscheinbaren Judensynagogen in der helle- nistischen Welt. Über hundertundfünfzig Judengemeinden sind uns aus der römischen Kaiserzeit innerhalb jener Ölbaumzone des Mittelmeerbeckens bis jetzt bekannt!; ihre wirkliche Zahl ist gewiß bedeutend größer gewesen?. Sie besaßen in ihren griechischen Buchrollen, um die sich allsabbatlich die Gemeinde betend und hörend versammelte, ein religiöses Kraftzentrum, von dem auch zahlreiche Heiden angezogen wurden. Die heiligen Schriften Alten Testaments in der griechischen Übersetzung der Siebenzig Dolmetscher brachten den from- men Diaspora-Juden, der äußerlich ein Hellenist geworden war und den semitischen Urtext im allgemeinen nicht mehr verstand, in immer neuen Kontakt nicht nur mit den Über- lieferungen von den Schicksalen und Führungen seiner Väter, sondern auch mit den religiösen Erlebnissen und Hoffnungen der prophetischen Männer, die in dem Jahrtausend vor Christus als Riesengestalten in der Religionsgeschichte der Mittelmeerwelt emporragen.
Die im semitischen Alten Testament lebendig gebliebene Religion der Heiligen der Vorzeit war auch in der Bibel der Siebenzig nicht mumifiziert worden, und sie war auch nicht
! Die Juden Mesopotamiens, Mittel- und Oberägyptens u. a. sind dabei nicht mitgerechnet.
2 Meine Karte notiert ca. 143 Orte außerhalb Palästinas mit jüdischer An- siedelung ; aber in mehreren Orten gab es verschiedene Judengemeinden, in Rom z. B. kennen wir mit Namen neun Synagogen. Die nach EMIL ScHÜRER (Geschichte des jüdischen Volkes III“, Leipzig 1909, S. 1ff.) und JOHANNES OEHLER (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums N. F. 53 [1909] S. 292if., 443ff., 525ff.) gegebene Zahl wächst fortwährend durch neue Funde. Während des Stiches meiner Karte fand ich Juden in der ägyptischen Ortschaft Syron Kome bei dem ägyptischen Babylon: drei vermutlich arme Juden stellen am 26. November 59 n. Chr. über 600 Silberdrachmen einen Schuldschein aus, der im Hamburger Papyrus Nr. 2 im Original erhalten ist. Vgl. Griechische Papyrusurkunden der Hamburger Stadt- bibliothek, Bd. I, herausgeg. von PAuL M. MEyvEr, Heft 1, Leipzig 1911, S. 4ff. Diese Juden in der Nähe des ägyptischen Babylon und in der Zeit der Apostel sind nicht ohne Interesse für 1 Pe 513.
Der Diaspora-Jude und die heilige Stadt. Jerusalem-Pilger. 61
unvermittelt der hellenistischen Kultur dargeboten worden. Die Septuagintaübersetzung stellt nicht bloß eine formale, sondern auch eine (an mehreren Hauptpunkten sogar sehr beträchtliche) materiale Hellenisierung des jüdischen Monotheismus dar. Diese griechische Bibel, im welthistorischen Sinne ein westöstliches Buch, ist eine Anpassung des östlichen Glaubens an die west- liche Welt! und ermöglichte eine überaus wirksame Propaganda für den Einen Gott der Juden auch bei den in der Vielgötterei müde und unsicher gewordenen Heiden.
Durch seine hellenistischen Schriften der semitischen Heimat der Väter scheinbar entfremdet, entbehrte der Weltjude aber doch nicht der engen Verbindung mit dem Zentrum der jüdi- schen Religion, dem Tempel in Jerusalem. Jeder mündig Ge- wordene spendete alljährlich seine Zweidrachmensteuer für Jerusalem, und wer es irgend ermöglichen konnte, wanderte als Pilger nach der heiligen Stadt. Wie noch heute in den Wochen vor dem Frühlingsvollmond Jerusalem das Ziel von vielen Tausenden ist, Juden, Christen und Mohammedanern, und wie die ganze islamische Welt von Konstantinopel bis nach den Sunda-Inseln und von unseren afrikanischen Kolonien bis nach China und Japan in einer fortwährenden Bewegung auf Mekka hin vibriert, so strömten auch damals, nach den Worten eines gleichzeitigen Schriftstellers?, viele Tausende aus vielen »Tausenden« von Städten zu jedem Feste nach dem Tempel. Die Pfingstgeschichte des Lukas? gibt eine internationale Liste ehe- maliger Jerusalempilger, die in der heiligen Stadt geblieben waren.
Und dort, in der Stadt des Tempels, fühlte sich der Jude, trotz der Fremdherrschaft der Römer, stolz und bevorzugt im Besitze gewaltiger Privilegien. Griechische und anders- sprachige Warnungsinschriften auf Stein, deren eine sich bis heute erhalten hat, verboten jedem Nichtjuden den Zutritt zum
i Näheres hierüber in meiner kleinen Schrift »Die Hellenisierung des semitischen Monotheismus«, Leipzig 1903 (Sonderabdruck aus den Neuen Jahrbüchern für das klassische Altertum usw. 1903).
2 Philo De monarchia 21. 3 AGesch 29ff.
4 Text und Abbildung Licht vom Osten S. 51#.
62 Synagogen von Diaspora-Juden in Jerusalem. Synagoge d. Cilicier u. Kleinasiaten.
heiligen Tempelbezirk bei Todesstrafe!. An dieser Gnadenstätte, wo das heilige Feuer des Brandopferaltars niemals aufhörte, erfüllte sich die Sehnsucht der Wallfahrer. Hier hörten sie die Chöre der Sänger und das Rauschen der Harfen; hier saßen die weithin berühmten Lehrer des Gesetzes und gaben ihr Bestes; hier konnte, wer am großen Versöhnungstage im Heiligtume weilte, die feierlichste gottesdienstliche Handlung des ganzen Jahres wenigstens ahnend miterleben. Und hier atmete jeder den Gluthauch der schwülsten nationalen Messias - Hoffnun- gen ein.
Seltsam verschiedenartige Judentypen begegneten sich auf dem Tempelplatz, und wenn man heute auf derselben weiten Fläche vor dem Felsendom in Jerusalem einen Moment die Augen schließt, dann mögen diese alten Gestalten sich wohl wieder auf derselben Stätte einfinden: der reiche babylonische Kauf- herr, dem man die Mühsale der langen Karawanenreise nicht mehr ansieht, füllt die Hand des bescheidenen Pilgers aus Rom, der sich das Geld für die Rückfahrt zusammenbettelt; der ceilicische Handwerker und der alexandrinische Gelehrte sprechen schaudernd von dem Blutbade, das Pilatus unter galiläischen Wallfahrern angerichtet hatte2.
Manch einer von den fremden Festpilgern blieb damals, wie schon jene Liste vom Pfingstfest lehrte®, für immer oder doch für längere Zeit in der heiligen Stadt zurück. So ent- standen in Jerusalem selbst Synagogengemeinden ausländischer Juden, die sich landsmannschaftlich zusammenschlossen, wie heute im Orient die Sephardim - Juden und die Aschkenazim- Juden jeweils ihre besonderen Synagogen haben. Die Apostel- geschichte bezeugt die Existenz einer aus afrikanischen Juden sich zusammensetzenden Gemeinde, aber auch einer von Cilieiern und sonstigen Kleinasiaten gebildeten Synagoge“.
Diese Synagoge der Cilicier und Kleinasiaten in Jerusalem ist es wohl gewesen, an welcher der cilicische Jude Saulos mit dem Zunamen Paulos® seinen Rückhalt hatte, als er sich in
1 Vgl. auch AGesch 2128. 31 2222. 2 Luk 131. 3 AGesch 29ff. 4 AGesch 69 &x tig ovvayoyns . . . tov ano Kırıxlac xal "dolac. 5 AGesch 139 YavAoc d& 6 xul IlevAoc.
Saulus Paulus, der Jude aus Tarsus, Galiläisches Blut ? 63
jungen Jahren längere Zeit in Jerusalem aufhielt. Auch per- sönliche Beziehungen für seine künftigen von ihm freilich damals nicht geahnten Reisen nach Kleinasien wird er hier angeknüpft haben, und die Diasporageographie nebst den Wanderstraßen lernte er im täglichen Austausch mit den Weitgereisten kennen. Wenn die Apostelgeschichte erzählt, der in Tarsus! Geborene sei in Jerusalem »auferzogen« worden?, so möchte man das am ersten sogar so deuten, daß Paulus schon als kleines Kind nach Jeru- salem gekommen sei. Man könnte damit die Tatsache in Zu- sammenhang bringen, daß er später in Jerusalem Verwandte hat: nach seiner Verhaftung hat sich ein Schwestersohn um ihn bemüht®. Lebte die Schwester des Paulus mit ihrem Sohn damals in Jerusalem? Oder war der Neffe bloß als Festpilger vorübergehend in der heiligen Stadt?
Urteilt man jedoch aus dem Gesamteindruck heraus, den der uns bekannte Paulus macht, so ist es doch wohl wahr- scheinlich, daß der Sohn von Tarsus seine Knabenzeit in der hellenistischen Vaterstadt verlebt hat. Paulus erscheint so sehr als Septuaginta-Jude, und er beherrscht die hellenistische Um- gangssprache in so souveräner Weise, daß wir eine starke Be- einflussung durch die Septuaginta und die hellenistische Umwelt bei ihm schon von Kind auf annehmen müssen.
Wir können über die Kindheit des Paulus einiges aus seinen eigenen Angaben mit großer Wahrscheinlichkeit ermitteln. Schon früh muß es dem aus dem Stamme Benjamin kommenden Knaben, der durch seine Geburt aber auch das römische Bürger- recht hatte, einen Eindruck gemacht haben, daß er, wie noch heute die frommen Juden®, zwei verschiedenartige Namen er-
1 AGesch 223 911 2139. Die bei Hieronymus (In Philem. 23 und De viris in- lustribus 5) sich findende Überlieferung, die auf das galiläische Gischala als Heimat des Paulus hinweist, stammt vielleicht aus der Tradition seiner Familie, die ihren Ur- sprung auf Gischala zurückführte (vgl. THEODOR MomMSsEn Zeitschrift für die neutesta- mentliche Wissenschaft 2 [1901] S. 83). Ist Paulus gewiß auch in Tarsus geboren, so ist doch nicht ganz ausgeschlossen, daß er galiläisches Blut hatte.
2 AGesch 223 avarsdoauulvog de &v 17 moAsı Tavıy.
3 AGesch 2316 #. 4 Röm 111 Phil 35. 5 AGesch 2228.
6 Vgl. die Mitteilung von SALOMON FRANKFURTER in meiner Schrift »Die Urge- schichte des Christentums im Lichte der Sprachforschung«, Tübingen 1910, S. 16. Zu dem Problem des Doppelnamens vgl. die Auseinandersetzung mit dem bedeutenden.
”
64 Die Kindheit des Paulus. Sein Sündenfall. Qualen des Schuldgefühls.
halten hatte: einen heiligen, den altjüdischen berühmten Namen Saul, gräzisiert Saulos, — und einen weltlichen, den ähnlich lautenden lateinischen und ebenfalls gräzisierten Namen Paulos.
Deutlich steht ihm noch im Alter ein Kindheitserlebnis vor der Seele, über das er im Römerbrief! ergreifende Andeutungen gibt. Wir könnten es seinen Sündenfall nennen:
Ich aber, — es war einmal eine Zeit, da lebte ich noch ohne Gesetz. Dann kam das Gebot, und die Sünde lebte auf, und ich, — ich starb: das Ge- bot, das Leben spenden sollte, — von mir ward es als tödlich erfunden
Denn die Sünde ward durch das Gebot aufgestachelt und betrog mich und
machte mich tot, durch das Gebot!
Paulus denkt hier wohl zunächst an seine ersten Kinder- jahre, die er ein anderes Mal? als die Zeit der kindischen Un- mündigkeit schildert; damals war ihm mit dem Begriff »Sünde« das Schuldgefühl noch fremd. Aber dann kam ein unvergeß- lich schmerzlicher Tag: das Gesetz, dessen stumme Buchrollen das Kind in der Synagoge mit Ehrfurcht und Neugier in ihrer buntgestickten Hülle3® von ferne gesehen hatte, trat mit seinem wohl durch Elternmund vermittelten »Du sollst!« zum ersten Mal gebieterisch in sein Bewußtsein; aber dem »Du sollst!« des Gesetzes sind dann ein »Ich will nicht!« des Kindes und die Übertretung auf dem Fuße gefolgt. Paulus sagt nicht, worum es sich damals handelte. Aber tiefe Verheerung, das deuteter an, richtete diese erste Sünde in seiner reizbaren jungen Seele an: er fühlte sich betrogen, es war ihm, als habe er den Tod
geschmeckt: Ich starb |
Wir wissen nicht, wann diese Tragödie sich in dem Gemüte des jungen Paulus abspielte; welche Qualen das Schuldgefühl schon im Kindesalter erzeugen kann, weiß mancher von uns aus eigener Erfahrung. Jüdische Lehrer, wenigstens der späteren Zeit, haben wohl angenommen4, das Kind werde neun Jahre
Aufsatz von HERMANN Dessau Der Name des Apostels Paulus (Hermes 45 [1910] S. 347#f.) in der 2. Auflage meiner Bibelstudien.
i Röm 9—11 yo d& ELwv Xwols vouov more. Eiovang de tag Evroing h auaprla aveinoev. yo dt antdavov. zul E0gEIN uoı n &vroAn 7 Eis Lamm adın eis Yavarov. 7 yao anaorla dpoounv Außovoa dir Tas EvroiAng Linndrnoev ue zei di aVıng anexteıvev.
2 1 Kor 1311. 3 2 Kor 314.
* Tanchuma (später Kommentar zum Pentateuch) zu 1 Mose 32.
Verängstigte Jugend. Flucht zum pharisäischen Pietismus. Gamaliel. 65
alt und wisse nichts von der Sünde; dann aber stelle sich mit dem Erwachen des »bösen Triebes< die Sünde ein. Aber wich- tiger als die Aufklärung jenes Erlebnisses im einzelnen ist die Tatsache, die wohl mit Sicherheit aus ihm erschlossen werden kann: Paulus, der diesen Sündenfall erlebt hatte, hat keine sonnige heitere Jugend gehabt; Gesetz, Sünde, Tod haben ihre düsteren Schatten schon in die Seele des hochbegabten Knaben geworfen, und man darf nach seiner eigenen Andeutung als die vorherrschende Stimmung des immer mehr zum bewußten Juden Heranreifenden die sklavische Angst! bezeichnen, nicht bloß die Gottesfurcht im altbiblischen Sinne2, sondern die tiefe Not des »unter das Gesetz Geborenen«? um seiner Seelen Selig- keit:
Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleibe ?
Noch in seiner christlichen Zeit ist Paulus solcher Hilferufe fähig®, wenn die alte Not in ihm wieder erwacht.
Zur strengsten Richtung des Judentums hat den Ver- ängstigten diese Not hingetrieben: Paulus ist Pharisäer ge- wordend. Vielleicht schon in Tarsus; wir wissen, daß die pharisäische Propaganda über Meer und Land reichte®. Sicher aber gehörte er in Jerusalem, wohin er für längere Zeit über- gesiedelt war, um sich zu Füßen des berühmten Rabban Ga- maliel”’ im Gesetz gründlich auszubilden, nicht bloß zum pharisäischen Pietismus, sondern auch innerhalb dieses unge- mein lebendigen und korrekten Kreises wieder zu den fana- tischsten Eiferern: verglich er sich mit seinen Altersgenossen, die in der Lehrhalle, den Traditionsstoff memorierend, neben ihm kauerten, so konnte er sich wohl »einen überheftigen Zeloten der väterlichen Traditionen« nennen. Das ganze Hoch- gefühl des gesetzeskundigen Schriftgelehrten hat sich ihm da- mals mitgeteilt:
1 Röm 815. 2 2 Kor 71 Röm 3ıs. 3 Gal 44.
* Röm 724 talainweos &yo dvdownog' Tig us ÖVoeraı &x TOD OWuRTog Tov HIavarov ToVTov;
5 Phil 35 AGesch 265 236. 6 Matth 2315. 7 AGesch 223,
8 So wird man den Ausdruck »auferzogen« AGesch 223 wohl am besten deuten: die großen Lehrer sind die Väter.
9 Gal 114 vgl. AGesch 223.
Deissmann Paulus. 5
66 _Religiöses Überlegenheitsgefühl. Der »heimliche« u. der »äußerliche« Jude.
Wegweiser der Blinden,
Licht für die, die im Dunkeln sind, Erzieher der Unverständigen, Lehrer der Unmündigen —
auf diesen gleißenden Worten des Römerbriefes! liegt noch nach Jahrzehnten der Abglanz jenes stolzen Selbstbewußtseins.
Andererseits blieb seinem scharfen und ernsten Auge auch der furchtbare. Kontrast nicht verborgen, der sich bei ihm selbst zwischen dem Wollen und dem Vollbringen immer aufs neue zeigte? und der zwischen äußerlicher Frömmigkeit und innerer Verdorbenheit wie überall in der Welt so auch in seiner Umgebung vorhanden war: bei dem einen Zeloten bemerkte er Dieberei3, bei dem anderen Unsittlichkeit‘, und einen seiner Glaubensgenossen, wohl in der Diaspora, der mit Hohn von den heidnischen Götzen zu sprechen pflegte, scheint er einmal darauf ertappt zu haben, daß er sich doch an diesen Götzen durch Hehlerei gestohlenen Tempelgutes bereicherted, genau so wie heute vielleicht ein christlicher Anatolier, der mit Verachtung auf den Islam herabsieht, in einer versteckten Ecke seines Lädchens gestohlene Moscheeteppiche doch ganz gern feilhält.
Solche Beobachtungen haben den Pharisäer Paulus gewiß schon in seiner jüdischen Zeit tief hineingeführt in das Verständnis des großen altprophetischen® Gedankens der »Herzensbeschneidung«’ im Unterschiede von der bloß äußer- lichen Beschneidung, deren sich manche Juden öffentlich rühmten®, während andere, wohl aus Furcht vor heidnischem Spott im Bad oder im Stadion, das Judenzeichen zu verbergen suchten.
Die Erkenntnis, daß es neben dem »heimlichen«!, das heißt echten Juden manchen bloß »äußerlichen<1! gewöhnlichen Juden gibt, der von dem frommen Heiden äls Sünder gerichtet wird2,
' Röm 219f. 6d7yov TupAov, Pos Tav Ev oxorei, naudevınv dpoorov dıdaoxaAov vnnlov.
2 Röm 7ısft. 3 Röm 221. * Röm 22a.
5 So versuche ich die dunkele Stelle Röm 222» zu deuten. In dem merk- würdigen Satz »der du die Götzen verabscheust, bist ein Tempelräuber« ist wohl eine bestimmte Erinnerung des Paulus verwertet.
6 5 Mose 1016 306 Jer 44 Ez 1630. ? Röm 229 neoızoun xaodiac.
s Röm 228. ° 1 Kor 7ı8. 1 Röm 29 ö &v to xovunıo Tovdaroc.
ı! Röm 238 0 &v ı@ paveoo lovdaiog. 12 Röm 2asff.
Märtyrerideale. »Den Leib brennen lassen«. Jüdische Feuer-Märtyrer. 67
und die tief niederbeugenden Erfahrungen seines eigenen oft ver- geblichen Ringens um »Gerechtigkeit« durch persönliche Leistung! haben in der glühenden Seele des Juden Paulus wohl gelegent- lich auch den Gedanken an außergewöhnliche, virtuose Leistungen der religiösen Aufopferung aufblitzen lassen; als höchster Grad der Frömmigkeit lockte ihn zu Zeiten das makkabäische Märtyrer- ideal, »den Leib brennen zu lassen«? für Gottes Sache. Dazu wäre er fähig gewesen, wie er ja auch als Christ nachmals das eigene Selbst für sein Volk gern geopfert hätte®.
Die echtesten Züge jüdischen Wesens hat Paulus auch als Christ sich bewahrt. Das Thema »der Jude Paulus« hat eben nicht den Sinn, als sei Paulus Jude gewesen bloß vor seiner Bekehrung und nachher nicht mehr. Paulus ist Jude ge- blieben auch als Christ, trotz seiner leidenschaftlichen Polemik gegen das Gesetz. Das ist nicht bloß ethnologisch gemeint (er hat mit der Taufe seine Rasse natürlich nicht ausgezogen), sondern auch religiös und stimmungsgemäß, und man kann Paulus, im Gegensatz zu mechanischen Trennungen des Jüdischen und des Christlichen in ihm, ruhig den großen Judenchristen der Urzeit nennen; »von den Vorfahren her« hat er seinen Gottes-
1 Röm 714ff.
2 1 Kor 133 2av naoado TO ooud uoviva xavd$ncoueı. Trotz der eingehen- den Verteidigung der Lesart xavynowucı durch AnoLr HARNAcK Sitzungsberichte der Kgl. Preuß. Akademie der Wissenschaften 1911 S. 139ff. halte ich xav9noouaı (oder zav9nowueı, der Konjunktiv des Futurums erscheint auch in den Papyri) für ursprünglich. Daß das Martyrium durch Feuer noch nicht im Gesichtskreise des Apostels gelegen habe (S. 142), kann ich nicht zugeben. Noch wichtiger als die be- deutsame Stelle Dan 328 ist da das zweite Makkabäerbuch, das 73ff. ein Feuer- martyrium genau beschreibt, und besonders das zur Zeit des Paulus ganz moderne vierte Makkabäerbuch, das in Feuermartyrien und ihren Einzelheiten geradezu schwelgt (532 624ff. 74.12 813 917. 19ff. 1014 111sff. 121. 10—20 135.9 149. 1514f. 20. 22 171 1820 vgl. dazu meine Bemerkungen in KAutzscH’s Apokryphen und Pseudepigraphen U S. 149—177). Daß der Sieg im Feuermartyrium als höchster Erweis des Glaubens angesehen wird, zeigt Hebr 1134 (vgl. 4 Makk 1621ff. 1812—14). Aber auch die Zeit des Paulus selbst hatte bei den Judenmassacres in Alexandrien unter Caligula öffent- liche Verbrennungen von Juden erlebt (SCHÜRER I? S. 498). Und diese alexandrini-- schen Feuer-Opfer waren Märtyrer im religiösen Sinn; denn es handelte sich um die
Verweigerung des Kaiserkults. — Die Abänderung von xav9nooucı legte sich später durch die Reflexion nahe, daß das Martyrium des Paulus kein Feuermartyrium ge- wesen sei.
3 Röm 93.
5*
68 Religiöse Familienüberlieferung. Jüdisches Bewußtsein des Christen Paulus.
dienst. Wir dürfen wohl annehmen, daß in seiner eigenen Familie eine ähnliche Kontinuität ernster Frömmigkeit durch Generationen hindurch bestanden hatte, wie er sie von des Timotheus Mutter Eunike und Großmutter Lois rühmt: ihr »Glaube ohne Heuchelei« hatte sich auf den Sohn und Enkel vererbt2. j
Aus dem nationalen und religiösen Verband seines Volkes ist Paulus niemals herausgetreten; er legt sich voll Stolz den Namen »Hebräer«3 bei und die noch inhaltsschwereren Namen »Israelit+ und »Abrahamssame«’, wie er sich gewiß auch zum „Israel Gottes«® rechnet, von den Juden in der Wüste als von den »Vätern«” spricht und selbstverständlich den »Vorvater«3
und »Vater«9 Abraham wie auch den »Vater« Isaak! rühmt. So-
gar die nichtgläubigen Juden nennt er seine »sstammverwandten leiblichen Brüder, für die er gern den Fluch auf sich nehmen wolle, wenn er sie dadurch retten könne!!. Oder er rühmt seine Abkunft aus dem Stamme Benjamin!2, die er mit dem König Saul teilt!®, und seine Beschneidung am achten Tage!*. Auch in neutralen Dingen, z. B. Reiseterminen rechnet er nach dem jüdischen Festkalender®. Ja er hat, obwohl über dem Buch- staben des Gesetzes stehend, die geheiligten Gebräuche seines Voikes noch als Apostel beobachtet; die hierauf hinweisenden Notizen der Apostelgeschichte!6 halte ich nicht für spätere judenfreundliche Übermalungen, sondern für Betätigungen des von Paulus selbst geäußerten Grundsatzes1?, daß er »den Juden ein Jude« gewesen sei.
Auch die Kontrastempfindung des Juden gegen den »sün- digen«13 Nichtjuden ist ihm nicht fremd, und wie er, hellenistisch fühlend, die »Griechen« gelegentlich von den »Barbaren« trennt19, so gebraucht er, jüdisch fühlend, häufig den altjüdischen weg-
!2 Tim 13, 22 Tim 15.
32 Kor 1122 Phil 35. “2 Kor 1122 Röm 111.
5 2 Kor 1122 Röm 114.
6 Gal 616. ” 1 Kor 101. ® Röm 41. ° Röm 416.
10 Röm 910. 11 Röm 93. 12 Röm 111 Phil 35. 13 AGesch 1321. Phil 35 megıtoun Oxtamusooc. 15 1 Kor 168 AGesch 279.
16 AGesch 163 1818 212%.
1 Kor 920 xal Eysvounv toig 'Tovdaloıs wg Tovdatoc. 18 Gal 215. 1% Kol 311 Röm 114.
Gegensatz zu den »Völkern«e. Kein Renegatenhaß. Der Septuaginta-Jude. 69
werfenden Ausdruck »Heiden« (Völker)! für die Nichtjuden; mit demselben Wort belegten die Römer wohl auch herablassend die Provinzialen2. Hierher gehört auch jenes Bild, daß die Juden der edle Ölbaum sind, die »Völker« der »Wildling«3.
Wie sehr Paulus sein angestammtes Volk liebt, zeigen die lodernden Bekenntnisse des Römerbriefes* Da quält ihn nicht eine bloß theoretische Frage, sondern der Schmerz um sein Volk, das sich vom Messias Jesus abgewandt hatte; die Frage, ob Gott sein Volk etwa verstoßen habe, bohrt in seinem Gemüt, und so wenig Paulus eine gedankliche Lösung des Problems gefunden hat, so gewiß hat er schließlich aus der Begeisterung seines Glaubens und aus der Liebe zu seinem Volk heraus die peinigende Frage doch beseitigt.
Die Beobachtung, daß Paulus nach seiner Bekehrung nichts von Renegatenhaß zeigt, gibt seiner Gesamterscheinung gewiß einen sympathischen Zug, und die mitunter sich findenden Derbheiten gegen das Gesetz werden doch durch andere Kund- gebungen aufgewogen, in denen er sich bemüht, dem Gesetz gerecht zu werden; ja er hat das Gesetz nicht selten ganz in der Weise der Väter als Autorität weiter benutzt®.
Damit sind wir zu dem charakteristischsten Zuge des Juden Paulus gekommen. Paulus ist bis zuletzt frommer Bibel-Jude ge- wesen, Septuaginta-Jude. Was ihn von den anderen Diaspora- frommen an diesem Punkte unterschied, war die Erkenntnis, daß in Christus das Gesetz seine verpflichtende Kraft verloren und die Verheißungen ihre Erfüllung gefunden haben. Aber der religiöse und ethische Gesamtgehalt der Septuaginta ist ihm die selbstverständliche Voraussetzung auch seiner christlichen Frömmigkeit.
Aus der Gotteswelt des hellenistischen Alten Testaments ist
1 Unser Wort Heide ist griechisches Lehnwort; es ist die zuerst in der goti- schen Bibel belegte Wiedergabe des &9vog ausgesprochenen £9vog (WILHELM SCHULZE Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften 1905, S. 726 f.).
2 Zu &9vn = Provinzialen vgl. z. B. A. von DomAszEwskı in der Strena Hel- bigiana, Lipsiae 1899, S. 53 und DAavı MAcıE De Romanorum iuris publiei sacrique vocabulis . ., Lipsiae 1905, S. 59.
3 Röm 1117ff.
* Röm 9—11. 5 Röm 111. 6 Vgl. z. B. | Kor 99 Gal 313 usw.
70 Der Geist der Septuaginta. Aufgaben der Septuagintaforschung.
der Christ Paulus nicht herausgetreten. Will man den ganzen Paulus religionsgeschichtlich verstehen, so muß man den Geist der Septuaginta kennen. Nicht das hebräische Alte Testament, nicht ohne weiteres das, was wir heute »Alttestamentliche Theo- logie« nennen, ist die historische Voraussetzung der Paulus- frömmigkeit, sondern der Glaubensgehalt des griechischen Alten Testaments. Die Aufgabe, auf Grund der als ein einheitlich ge- schlossenes Bibelbuch gefaßten Septuaginta die jüdischen Voraus- setzungen des Paulus-Christentums zu rekonstruieren, istin der Forschung kaum als solche anerkannt, geschweige gelöst. Sie gliedert sich in zahlreiche Einzelaufgaben, von denen bloß einige hervorgehoben seien: die Gottesgewißheiten der Septua- ginta; der Geist und Christus bei den Septuaginta; der Glaube und die Gerechtigkeit bei den Septuaginta und viele andere mehr.
An manchen Punkten wird sich natürlich das Ergebnis solcher Einzeluntersuchungen mit den Ergebnissen der vom hebräischen Alten Testament aus erforschten »Alttestamentlichen Theologie« berühren, aber an vielen Punkten auch nicht. Die »Alttestament- liche Theologie« betrachtet das Alte Testament als die historische Urkunde eines über viele Jahrhunderte sich erstreckenden und in zahlreichen Einzelphasen sich allmählich entwickelnden religionsgeschichtlichen Tatsachenkomplexes. Die Septuaginta- Forschung dagegen betrachtet das griechische Alte Testament im wesentlichen so, wie Paulus es betrachtet hat, und wie der fromme Laie heute das Alte Testament betrachtet, als etwas in sich relativ Einheitliches. Die griechische Übersetzung hat eben die vielen Linien, durch die im hebräischen Texte die Stadien der allmählichen Schichtung und Entwickelung für den Historiker markiert werden, tatsächlich fast sämtlich beseitigt. In der Septuagintabibel schließen sich Bekenntnisse der Propheten, der Genesis und ganz junger Psalmen, Dokumente mehrerer Jahr- hunderte, die im Urtext vielleicht gar nicht kombiniert werden können, mühelos zusammen, weil der Septuaginta-Fromme in allen Rollen seiner heiligen Schriften denselben unveränder- lichen Geist derselben Offenbarung viel deutlicher reden hört!.
1 Vgl. die oben S. 61 genannte Schrift.
Septuaginta-Zitate und Septuaginta-Exegese des Paulus. 71
Der gewaltige Einschlag von Septuagintafrömmigkeit in die religiöse Psyche des Paulus wird schon durch die massenhaften griechischen Bibelzitate deutlich, die wir in den Paulusbriefen finden, und es ist dabei nicht unwahrscheinlich, daß Paulus bereits einen Septuagintatext benutzt hat, der an einzelnen Stellen eine jüdische Revision erlebt hatte!.
Noch frappanter zeigt sich der Zusammenhang zwischen Paulus und den Septuaginta in seinem gesamten religiösen und ethischen Wortschatze; am klarsten aber wird er uns, wenn wir aus einer sicheren Kenntnis der Paulusbriefe heraus die Sep- tuaginta selbst lesen, nicht bloß einzelne von Paulus zitierte Zeilen, sondern das ganze Buch als hellenistische Bibel. Daran fehlt es bei uns leider noch sehr, an methodischer Septuaginta- Lektüre; aber es gibt für den Paulusforscher kaum etwas Inter- essanteres und Belehrenderes.
Auch die Exegese, die Paulus der griechischen Bibel ange- deihen läßt, zeigt uns plastisch den Juden Paulus. Sie ist Exegese einer durchaus autoritativen Urkunde; obwohl Paulus ja einen Teil dieser Urkunde, das Gesetz, als in Christus aufge- hoben betrachtet, hat er, wie schon erwähnt, doch auch Gesetzes- stellen gelegentlich unter das wuchtige »Es steht geschrieben« gestellt. In der hellenistischen Welt ist dieses »Es steht ge- schrieben« damals die Formel, mit der man auf Stellen einer unumstößlichen Abmachung hinwies?2; genau so gebraucht es Paulus. Was geschrieben steht, kann nicht angetastet werden; jedes Schriftzitat ist ein Schriftbeweis. Gott selbst redet in der Schrift, die Schrift wird sogar ihrerseits personifiziert?, und als Grundsatz wird verkündigt®:
Nicht über die Schrift hinaus |
Bei einer derartigen Stellung zum Buchstaben derBibel scheint der Exeget Paulus von vornherein sklavisch gebunden gewesen zu sein. Aber wir wissen, daß längst das Mittel gefunden war,
i Näheres hierüber in meiner Arbeit »Die Septuaginta-Papyri und andere alt- christliche Texte der Heidelberger Papyrus-Sammlung«, Heidelberg 1905, S. 691.
2 Belege für das juristische yeyoantaı Bibelstudien S. 109f., Neue Bibelstudien Seite 77£.
3 z.B. Gal 38. 2. * 1 Kor 46 un unto & yeyoantaı.
72 Die allegorische Methode als Zeugnis der Freiheit. Gewaltsamkeiten.
trotz der Tyrannei des Buchstabens über den Buchstaben hinweg- zukommen. Dieses Mittel, auch von Paulus gern gebraucht, ist die allegorische Exegese. Nicht die Juden haben sie er- funden; sie haben sie wohl aus dem Hellenismus übernommen, der die Dichter allegorisch auslegte, um ihre religiösen Derb- heiten vor der prüde gewordenen Bildung zu beseitigen.
Die Juden haben sie aber gern übernommen, denn sie be- durften ihrer. Man täte der allegorischen Bibelexegese des Juden- tums und des alten Christentums unrecht, wenn man sie als die Ausgeburt einer völlig von der Vernunft verlassenen theo- sophischen Schwärmerei betrachten wollte. Schon die Be- obachtung, daß ein so bedeutender Kopf wie der Jude Philo einen umfassenden Gebrauch von ihr macht, sollte uns da vor- sichtiger stimmen. Tatsächlich ist in einem Zeitalter mechanisch- buchstäblicher Inspirationsgesetzlichkeit die allegorische Exegese für alle prophetischen, schöpferischen Geister das einzige Mittel gewesen, sich der Umklammerung durch den Buchstaben zu entziehen!, und bei Philo so gut wie bei Paulus ist die alle- gorische Exegese, so paradox dies auch klingen mag, mehr ein Zeugnis ihrer Freiheit als ihrer Gebundenheit, obwohl sie bei beiden zu starken Gewaltsamkeiten geführt hat.
Solche Gewaltsamkeiten sind z. B. bei Paulus im Galater- brief2 die Deutung des Wortes »der Same«3 in singularischem Sinne, obwohl der Begriff tatsächlich pluralisch gemeint ist und sonst auch von Paulus pluralisch gedeutet wird®. Oder die spitzfindige Auslegung der Erzählung vom Sündenfall zugunsten des Mannes®. Oder die Deutung: des Wortes vom Ochsen, dem man beim Dreschen das Maul nicht verbinden soll®, auf die Apostel”. Wenn Paulus übrigens bei dieser Deutung einfließen läßt, Gott kümmere sich nicht um die Ochsen, so zeigt mit diesem doktrinären und matten Wort der Großstädter, der dem Tiere nicht so naiv gegenübersteht, weil er mit dem Tiere nicht so zusammenlebt, seinen Abstand von dem prachtvollen und kraft- vollen Realismus des Glaubens Jesu, der, von Kind auf mit Tier
1! Ähnlich hat auch G. Kıem die allegorische Exegese beurteilt (Der älteste christliche Katechismus und die jüdische Propaganda-Literatur, Berlin 1909, S. 42£.).
2 Gal 316. 3 Aus 1 Mose 1315. 4 Röm 41s 98. 372 Tim 243f,
6 5 Mose 254. 7 1 Kor 99f. vgl. 1 Tim 51s.
Religiöser Tiefsinn. Rabbinische Traditionen. Jüdische Dialektik. 73
und Pflanze verkehrend, keinen Sperling zur Erde fallen läßt ohne Gottes Willen! und die Blumen des galiläischen Früh- lings von Gott selbst in ihr mehr als königliches Farbenkleid gehüllt sein läßt?.
Andererseits gelingen dem allegorischen Exegeten Paulus mit Hilfe seiner Methode doch auch großartige religiöse Be- trachtungen: die Parallelisierung. der Sara und der Hagar als der beiden Vermächtnisse?, die Identifizierung des wasser- spendenden Felsens in der Wüste mit dem pneumatischen Christus, das sind, in ihrer antiken Heimat betrachtet, Offen- barungen eines großen Geistes, die nicht durch moderne Ein- wendungen verkleinert werden können. Hier gibt die jüdische Allegorese, die sonst so oft den theologischen Kleinmeistern die Krücken leiht, dem religiösen Genius die Fittige zum Auffahren wie ein Adler.
In manchen Einzelheiten der Schriftbenutzung ist der Jude Paulus auch sonst abhängig von seinen rabbinischen Traditionen, insbesondere von Eigentümlichkeiten der erbaulichen Legende, der sogenannten Haggada. Hierher stammt die auch ander- wärts5® belegbare Theorie des Galaterbriefes®, daß das Gesetz nicht von Gott selbst, sondern von den Engeln gegeben sei, hierher stammt die Zahl 430 ebenfalls im Galaterbrief” und der volkstümlich trauliche Zug®, daß der wasserspendende Felsen den in der Wüste wandernden Vätern nachgefolgt sei.
Auch in dem, was man die Dialektik des Paulus zu nennen pflegt, zeigen sich die Einwirkungen seiner jüdischen Lehrer, insbesondere der Lehr- und Beweismethoden der mündlichen Disputation im Lehrhause. Die Paulusbriefe sind ja auch zu- meist mündlich diktiert; dazu passen die Methoden des münd- lichen Beweises gut. Abgesehen von dem Beweis aller Beweise, dem Schriftbeweis, ist der Beweis aus der Analogie sehr beliebt, z. B. Analogieen aus der Natur sollen das Verhältnis der irdischen und der himmlischen Leiblichkeit illustrieren, ebenso
i Matth 1029 Luk 126 vgl. Matth 626 Luk 1224.
2 Matth 628 Luk 1227. 3 Gal Anft. 41 Kor 104. 5 AGesch 753 Hebr 22.
6 Gal 319 (vgl. auch Kol 216 kombiniert mit 218).
7 Gal 317. 8 { Kor 104. 9 1 Kor 1535ff,
74 _Beweisformen. Überschätzung der Dialektik des Paulus. Kontemplative Begabung.
Analogieen aus dem landwirtschaftlichen und militärischen Leben das Recht der Apostel auf ihren Lebensunterhalt!; besonders beliebt sind Analogieen aus dem Rechtsleben, für das sich der Großstädter Paulus stark interessiert hat: einem Testament kann nicht ein Fremder eine Klausel hinzufügen?; der unmündige Erbe steht unter der Autorität der Vormünder und Verwalter, solange der Vater es angeordnet hat?. Des weiteren finden wir auch den Schluß a minori ad maius* »(Leichtes und Schweres« nannten ihn die Rabbinen), oder auch den Schluß a maiori ad minus. Typisch rabbinisch sind auch die großartigen Parallelisierungen Adams und Christi im ersten Korinther- und im Römerbrief®.
Im ganzen aber hat man meines Erachtens die rabbinische Dialektik des Paulus wie seine Dialektik überhaupt sehr über- schätzt. Beweisführung im strengen Sinne des Wortes ist nicht die starke Seite des Paulus. Wo man mit ihm an den End- punkt eines geraden Weges zu kommen hofft, sieht man sich mitunter an den Ausgangspunkt eines Circulus zurückgeführt. Paulus ist, z. B. in der Polemik, eine viel zu impulsive Natur, um ein großer Dialektiker sein zu können. Lieber, als daß er die Gegner lange widerlegt, erledigt er sie durch einen zornigen Blick, und in der Behandlung religiöser Probleme gelingt ihm das Intuitive und Kontemplative im allgemeinen besser als das Spekulative.
Inwieweit Paulus mitseiner intuitiv-kontemplativen Begabung jüdische Züge trägt, wage ich nicht zu sagen; in der mystischen Literatur der Folgezeit finden sich nicht wenige Analogieen, insbesondere wohl bei den mystischen Klassikern des Mittel- alters. Jedenfalls scheint mir der Begriff der Kontemplation die Eigenart der religiösen Produktion des Paulus (und nachher auch des Evangelisten Johannes) besser zu treffen als der Be- griff der theologischen Spekulation.
Ich verstehe unter Kontemplation ein Sichversenken, ein Hinabtauchen in die großen Gewißheiten des Glaubens, ein Ringen mit praktischen Problemen, welche nicht theologisch-
1 1 Kor 9. 2 Gal 315. 3 Gal 41. 227, B, Röm 1112272. 5 Z. B. 1 Kor 61ff. Röm 1121. 6 1 Kor 1522ff. s5if. Röm bBia2ff.
Das Wesen der Kontemplation. Hieratische Feierlichkeit der Sprache. 75
wissenschaftlich interessante, sondern religiös quälende Probleme sind. Nicht hart und starr sind die Sätze der Kontemplation, sondern weich, lebendig, gärend; nicht wie zischende Pfeile fliegen sie geradlinig auf ihr Ziel, sondern sie umkreisen die Beute wie ein Adler in lautlosem Flug. Die Kontemplation hat oft aber auch etwas Stockendes und Brütendes; sie zeigt weniger Gedankenfortschritt als Gedankenvertiefung. Sie kann nicht ein einheitliches System erzielen, weil sie das Hin- und Herbranden einer aufgewühlten Seele ist.
Typisch für dieses kontemplative Hin- und Herwogen der erregten Seele ist die berühmte Betrachtung im Römerbrief über Gottes Wege mit Israell. Ein gedankliches Problem, aber viel mehr noch eine religiöse Qual ist es, die den Juden Paulus hier bewegt. Eine gedankliche Lösung ist, wie schon angedeutet, nicht gefunden; trotz verschiedener Versuche der Befreiung verstrickt sich Paulus immer wieder in das Netz des Problems, und die Antworten, die er gibt, sind nicht spekulative Be- freiungen, sondern Zerreißungen des Netzes durch die unwider- stehliche Wucht seiner religiösen Intuition.
Am reinsten quillt die kontemplative Produktion des Paulus in dem Briefe an die Kolosser und dem naheverwandten an die Laodicener (dem sogenannten Epheserbriefe). Diesen beiden Briefen lagen keine speziellen Gemeindeprobleme vor, die zu behandeln gewesen wären; darum konnte Paulus sich hier mehr in feierlichen Konfessionen ergehen, die auch stilistisch durch ein gravitätisch-hieratisches Pathos auffallen.
Aber ich möchte nochmals betonen, daß ich nicht sicher bin, ob wir mit dem stark kontemplativen Zug des Paulus eine spezifisch jüdische Seite seines Wesens berührt haben. Man könnte sagen, jüdisch ist das Unsystematische und doktrinär Unausgeglichene dieser Kontemplation, jüdisch sind ihre Hilfs- konstruktionen, insbesondere der Schriftbeweis. Vielleicht ist das Wesentliche hier aber überhaupt nicht weiter ableitbar, son- dern als spezifische Begabung des Paulus zu betrachten.
Mag dem sein, wie ihm wolle, der Jude Paulus steht sonst deutlich vor uns, mit all der Kraft, die das Jüdische in sich schloß,
ı Röm 9—11. 2 Vgl. oben S. 69.
76 Kraft und Schranken des Jüdischen, Der Jude Philo und der Jude Paulus.
und auch mit einem Teil der Schranken, die das Jüdische umgaben.
Aber noch klarere Züge gewinnt der Jude Paulus, wenn wir ihn neben den Juden stellen, der als »Der Jude« des hellenis- tischen Zeitalters weltberühmt, ja auch eine Art von Kirchen- vater geworden ist, Philo von Alexandrien.
Beide, der Jude Philo und der Jude Paulus, sind Zeitgenossen. Beide stammen aus der Diaspora, sind Großstädter und haben einen deutlichen kosmopolitischen Zug. Beide leben und weben in der Septuagintabibel. Beide sind ekstatisch-mystischer Er- lebnisse fähig und berühren sich in vielen Einzelheiten.
Und doch stehen beide in einem sehr starken Kontrast, der an den Gegensatz zwischen Seneca und Paulusli erinnert und in einigen Hauptlinien sich wiederholt bei Erasmus und Luther. Philo schreibt, Paulus redet (auch seine Briefe sind gesprochen); der Name Philos ist wohl zu Paulus gedrungen, aber nicht der Name des Paulus zu Philo; Philo ist Schriftsteller, Paulus ist es nicht; Philo hinterläßt literarische Werke, Paulus unliterarische Briefe. Philo ist Philosoph, Paulus der Tor gießt über die Weisheit der Welt die Schalen seiner Ironie aus. Philo steht bei der Oberschicht, Paulus bei den mittleren und unteren Schichten; Philo ist literarische Hochkultur, Paulus ist quellende Volkskraft. Philo ist ein Pharus, Paulus ist ein Vulkan. Philo ist Forscher und Theolog, Paulus Prophet und Herold. Philo arbeitet am Schreibtisch für das große literarische Publikum, Paulus eilt vom Webstuhl auf den Markt und in die Synagoge, Augein Auge den Hörern gegenüber. Der Neffe Philos, Tiberius Julius Alexander, war Prokurator von Palästina und Statthalter von Ägypten, und seinen Namen verewigen nicht bloß Josephus, Tacitus und Sueton, sondern er hat auch in einer der berühm- testen Inschriften der frühen Kaiserzeit? ein steinernes Denk- mal auf der Propylonmauer eines Tempels der Großen Oase. Des Paulus Neffe, der, um seinen Oheim zitternd, von römischen Offizieren verhört wird3, ist aus der Masse der Namenlosen ein
I Vgl. oben S. 53. ? DITTENBERGER ÖOrientis Graeci Inscriptiones Selectae Nr. 669. Abbildung Licht vom Osten S. 270. 3 AGesch 23i6ff.
Pharus und Vulkan. Der Platoniker und der Christ. Der Verfolger. lt
Unbekannter, der einen Augenblick auftaucht und dann wieder verschwindet. Philo reist nach Rom als Gesandter und wird vom Kaiser empfangen, Paulus hat nur Beziehungen zu kaiser- lichen Sklaven! und wird nach Rom als Gefangener transportiert.
Wir können die ganze Fülle der Kontraste zwischen dem Manne von Alexandrien und dem Manne von Tarsus so zu- sammenfassen: Philo ist Platoniker, Paulus wird, was er sein wird, in einem Anderen sein; der Jude Philo steht an dem Endpunkt der antiken Bildung, der Jude Paulus steht am An- fang der neuen Weltreligion.
Ehe freilich der Jude Paulus an die Schwelle der neuen Zeit gestellt worden ist, sehen wir ihn als fanatischen Hüter der pharisäischen Tradition rückwärts gewandt in die Vergangenheit: der Jude Paulus ist erst der Verfolger der jungen Christen- gemeinde geworden. Auch in der zelotischen Leidenschaft, die er hierbei einsetzte, ist er ein echter Jude. Das Bild, das die Apostelgeschichte? von dem Verfolger entwirft, ist im allge- meinen wohl richtig festgehalten; es wird in den Hauptzügen durch schmerzerfüllte und selbstquälerische Bekenntnisse der Paulusbriefe3 bestätigt. Und historisch erklärt sich diese Stellung des jungen Paulus einfach genug. Der Konflikt, dem Jesus zum Opfer gefallen war, war ein Konflikt mit der führenden Partei der Pharisäer gewesen: der Verfolger Paulus ist der Pharisäer Paulus, der den Kampf seiner Partei gegen Jesus fortsetzt durch den Kampf gegen die Gemeinde des Gekreuzigten.
1 Phil 422. 2 AGesch 69 758 8ıff. Yıff. 223if. 264ff. 3Gal 113f. 23 1 Kor. 159 Phil 36 1 Tim 113.
Ds Der Christ Paulus.
Der urapostolische Jesuskult. Die Bekehrung des Paulus. Das pneumatische Christuserlebnis des Paulus.
Der Kreuzestod Jesu hatte die kleine Schar seiner gali- läischen und jerusalemischen Anhänger zunächst zersprengt. In dem gewaltigen religiösen Konflikt mit den pharisäischen Machthabern schien Jesus endgültig unterlegen zu sein, obwohl er mit seinem Martyrium auch sein Wiederkommen nach dem Mar- tyrium den Seinen in Au Prophetenworten ver- heißen hatte.
Aber sehr bald nach dem furchtbaren Erlebnis der Hin- richtung Jesu finden wir die Geängstigten und Verzweifelten wieder gesammelt in der heiligen Stadt, und die vorher kaum zu einer organisierten Gemeinde Vereinigten sind jetzt eng zu- sammengeschlossen zur Gemeinschaft des Brotbrechens und des Gebetes, sehnsuchtsvoll der letzten großen Offenbarung ihres Messias harrend.
Österliche Erlebnisse des Petrus und der anderen sind es gewesen, die diesen Umschwung hervorgerufen haben. DerInhalt dieser Erlebnisse, die mit historischen Mitteln niemals völlig analysiert werden können, ist von Männern und Frauen in gleicher Weise beschrieben worden: Jesus sei ihnen als der von Gott Auferweckte in göttlicher Glorie erschienen, Worte der Auf- richtung und der Verheißung auf den Lippen.
Diese apostolischen Erlebnisse sind der psychologische Aus- gangspunkt des ältesten Jesuskultes in Palästina und die eigent- liche Voraussetzung für die Entstehung der sich organisieren- den christlichen Gemeinde. Sie haben den Propheten des Gottes- reichs zum Objekt der apostolischen Frömmigkeit gemacht, in-
1 Wichtigste Quelle 1 Kor 151ff.
AV TE NR
Die Entstehung des Jesuskultes. Seine historische Eigenart. 79
dem sie das Siegel unter seine messianischen Selbstoffenbarungen setzten. Ja sie haben auf die Messiasgestalt den Abglanz der Gottheit selbst geworfen, haben aus dem quälenden Problem des Kreuzes ein Wunder der Gnade gemacht, die heiligen Schriften der prophetischen Vorzeit geöffnet und Bekenner und Propheten erstehen lassen in gewaltiger Erweckung.
Es ist für das religionsgeschichtliche Verständnis des Ur- christentums von der höchsten Wichtigkeit, daß man diese An- fänge der organisierten Christengemeinde als die Anfänge des neuen Kultes, des Jesus-Christus-Kultes, verstehen lernt.
Jesus selbst hatte keinen neuen Kult gestiftet; er hatte die neue Zeit gebracht. Aber schon während seines irdischen Lebens war seine Person der Mittelpunkt seiner Getreuen ge- wesen: sein gewaltiges Ichbewußtsein hatte auf die Menschen aussondernd und zusammenschließend gewirkt. Der eigentliche Jesuskul? jedoch ist erst herausgeboren aus den Mysterien der apostolischen Ostererlebnisse. Und können wir auch in die heilige Morgendämmerung dieser Mysterien nicht mit den Fackeln der exakten Forschung hineinleuchten, um alles antik Mysteriöse zu analysieren zu moderner, wasserheller Selbst- verständlichkeit, so haben wir doch in den Anfängen des Jesus- kultes ein in der antiken Religionsgeschichte wohl einzig- artiges Paradigma für die Entstehung eines neuen Kultes. Und dadurch unterscheidet sich, abgesehen von den reellen inneren Werten der apostolischen Frömmigkeit, dieser neue Kult von allen anderen, daß die Kultgestalt nicht im Nebel der Mytho- logie verborgen blieb, sondern als ein Mensch von Fleisch und Blut den meisten unter den ersten Kultgenossen persönlich be- kannt gewesen war! und im lebendigen Überlieferungsstrorn unvergänglicher und unvergleichlicher Worte täglich gegen- wärlig war.
Die äußeren Merkmale des urapostolischen Jesuskultes sind aus der Apostelgeschichte deutlich genug erkennbar. Dieses fromme Volksbuch spricht natürlich von der ersten Gemeinde nicht in dem trockenen Tone, den etwa statistische Tabellen der
1 Noch in den fünfziger Jahren des ersten Jahrhunderts waren-mehrere Hundert Augenzeugen am Leben (1 Kor 15).
80 Organisation, Mysterien und Mission des Jesuskultes. »Marana tha«! Konflikt.
kirchlichen Bureaukratie anschlagen, sondern mit jenem Pathos der Frömmigkeit, das man von den Missionsfesten her kennt: sich selbst und die Leser begeistert der Erzähler der ersten Mis- sionsgeschichte für die Gemeinde der Heiligen, die nur im selbst- verständlichen Lichtglanze der Verklärung geschaut wird. Aber die historischen Linien sind doch unverkennbar: die Kultgenossen des lebendigen Jesus Christus hatten sich bereits die Anfänge einer von Brüderlichkeit getragenen Organisation gegeben, besaßen in Taufe und Herrnmahl zwei Institutionen, die man im antik-tech- nischen Sinne des Wortes die zwei urchristlichen Mysterien nennen kann, und sie hatten auch schon früh begonnen, inner- halb ihrer palästinensischen Umgebung, ja bis nach Phönicien, Syrien und Cypern hin, Propaganda für ihre Sache zu treiben], um die Gemeinde zu sammeln, die würdig wäre für das kom- mende Gottesreich.
Das historisch merkwürdigste Dokument dieses ältesten palästinensischen Jesus-Christus-Kultes ist eine aramäische Hiero- glyphe, die wir später noch im Munde des Paulus? finden, die aber, eben als aramäisches Urwort, aus der aramäisch redenden Urgemeinde stammt: der Gebetsruf, wahrscheinlich am Ende der Abendmahlsfeier? von den Gläubigen sehnsüchtig zu Christus
emporgesandt: Marana tha (Unser Herr, komm)!
So seufzt die junge Gemeinde zu ihrem Herrn um seinen Advent in göttlicher Herrlichkeit zur endgültigen Epiphanie des Gottesreiches.
Der opferbereite Enthusiasmus der jungen Gemeinde geriet bald in den Konflikt mit denselben Machthabern, denen Jesus erlegen war. Das erste Märtyrerblut fließt, und beim Tode des Blutzeugen Stephanus finden wir den pharisäischen Zeloten Saulus mit dem Zunamen Paulus als moralisch Mitschuldigen‘. Den aus der schwülen Luft der cilicischen Ebene stammenden
i Vgl. auf unserer Karte die mit rotem Doppelkreuz und doppelter Unterstreichung signierten Orte des urapostolischen Christuskultes,
® 1 Kor 1622 Maoava 9 vgl. Offenb Joh 2220.
3 Vgl. hierzu das Vorkommen des Rufes in dem ältesten christlichen Abend- mahlsgebete Didache 106 el’ zus &yıog Eorıw, 2oyeodw. El rıg odx Lotı, uere-
voeitw. Magava Yu. dunv. Wer da heilig ist, soll kommen! Wer es nicht ist, soll sich bekehren! Unser Herr, komm! Amen! 4 AGesch 758 81.
Der pharisäische Apostel. Das Damaskus-Erlebnis. 81
jungen Mann muß ein fanatischer Haß beseelt haben gegen die Anhänger Jesu von Nazareth, dessen gewaltige Weherufe gegen die pharisäische Frömmigkeit unvergessen waren. Der Propa- ganda des Evangeliums folgte die Gegenpropaganda der Gewalt auf dem Fuße; Saulus Paulus hat sie organisiert. Im Dienste derselben Disziplinargewalt, deren Peitschenhiebe später seinen eigenen Rücken zerfetzen sollten, eilte er, ein Apostel schon hier, nordwärts nach Damaskus!, um das auch dort bereits glimmende Feuer des neuen Kultes zu ersticken.
Auf dieser Reise, in der Nähe der Stadt Damaskus selbst2, kam es dann zu dem Erlebnis, das für Paulus eine völlige Um- wandlung bedeutete, zu der Bekehrung.
Wir haben für dieses von keinem heidnischen Historiker beachtete und in seiner Wirkung doch geradezu welthistorische Ereignis zwei Quellen: die Andeutungen des Apostels selbst und drei in ihren Einzelheiten nicht völlig ausgleichbare Skizzen in der Apostelgeschichte3, die aber, das liegt in der Natur des Hergangs selbst, irgendwie auf Erzählungen des Paulus zurück- gehen müssen.
Auch hier, wie bei den Christophanieen des Petrus und der anderen Seher der OÖstergemeinde, werden wir niemals zu einer psychologischen Zerfaserung und restlosen Analyse des Er- lebnisses kommen, auch dann nicht, wenn wir die zahlreichen religionsgeschichtlichen Analogieen für den Bekehrungsvorgang zu Hilfe nehmen. Aber wir können mit großer Sicherheit fest- stellen, wie Paulus selbst den Vorgang aufgefaßt hat.
Er beschreibt ihn einmal* mit demselben, bereits bei den Septuaginta für Epiphanieen des Göttlichen technischen Worte, das er auch von den Christophanieen der anderen Apostel ge-
braucht: er erschien auch mir,
nämlich der lebendige Christus, und Paulus deutet dabei an, daß seine Christuserscheinung die letzte in der Reihe der sonstigen gewesen sei.
1 Gal 113ff. AGesch 9.22. 26. 2 Das ergibt sich auch aus der Kombination von Gal lı3 mit 117. 3 AGesch 9ıff. 223ff. 2610ft. *1 Kor 158 wpIm xuunot. 5 1Kor 155. 6.7 @@97. Deissmann Paulus. 6
82 Damaskus in der Beurteilung des Bekehrten selbst: »Christus in mir!«
Ein anderes Mal! sagt er, noch antik plastischer: ich habe Jesum unseren Herrn gesehen,
oder er bekennt?: ich bin von Christus Jesus ergriffen worden,
ein viertes Mal3 aber spricht er mit fast moderner Psychologi- sierung des Erlebnisses von einer »in seinem Inneren« durch Gott bewirkten Offenbarung des Gottessohnes; ein fünftes Mal® sagt er noch allgemeiner, das Christusmysterium sei ihm durch Offenbarung kundgemacht worden. Und in der Erinnerung an die Damaskusstunde steht wohl immer, das ist im zweiten Korintherbrief angedeutet, der Eindruck eines gewaltig auf- leuchtenden Lichtes, dem bei der Schöpfung aus der Finsternis hervorbrechenden ersten leuchtenden Gottestage vergleichbar; so hat auch die Apostelgeschichte® mit allgemein antiken Farben das Ganze in der prachtvollen Lichtgebung gemalt, durch die immer die Erscheinung des Göttlichen dargestellt wird.
Ein Erlebnis, das Paulus als gottgewirkt ansieht, das die Offenbarung deslebendigen Christus oder das Inbesitzgenommen- sein durch Christus mit unbedingter Sicherheit bedeutet und das den inneren Umschwung und zugleich die apostolische Sendung” des seitherigen Verfolgers in sich schließt, das ist für Paulus selbst das Ereignis von Damaskus. Und diese Charak- teristik des Bekehrungsvorganges genügt dem Historiker völlig. Wir können nur, dieses Einzelerlebnis in den Zusammenhang des gesamten späteren mystischen’Christuserlebnisses des Paulus eingliedernd, noch einen wichtigen Zug durch Kombination zweier Bekenntnisse des Galaterbriefes gewinnen: für den Mann der seinen Christenstand durch das Wort® charakterisiert
Christus lebt in mir, ist Damaskus der Beginn dieser Einwohnung Christi: Gott hat seinen Sohn in mir geoffenbart°.
-
1 Kor 91 ’Insovv rov zUgıov nu@v &opaxa. Phil 312 zateAnupgnv vOno Xgıuotod ’Inoov. Gal 116 anoxakvypaı Tov viov anrod &v Luol. Eph 33 xara dnoxakvyın Eyvoglodn uoı To Avorngiov. 2 Kor 46 ö eos Ö Einwv' &x 0x0T0vS Pag Acumps, Ö6 Ehauyer ev Tals xwodiaıs nuav NOÖS YPWwtıousv Tg Yvaoswg tus do&ng too an &v NE00WNY Xoıoror. 6 AGesch 93 226. 9 2613. ? Gal 116 va svayyeiliouaı avrov &v Tois E9veow. ® Gal 2% 55 dE &v &uol Xouorög. ® Gal 116 (siehe oben Anm. 3),
1 2 3 4 5
Das grundlegende mystische Erlebnis. Negative u. positive Vorbereitung. 83
Man darf also den Damaskusvorgang nicht isolieren, sondern muß ihn als das grundlegende mystische Erlebnis des religiösen Genius betrachten, der sich ja auch in seinem späteren Leben außergewöhnlicher ekstatischer Einzelerfahrungen gewürdigt weiß.
Die Bekehrung des Verfolgers zum Nachfolger und des pharisäischen Apostels zum christlichen Apostel ist eine plötz- liche gewesen. Aber sie war keine magische Verwandlung, son- dern sie war psychologisch vorbereitet, negativ und positiv.
Negativ durch die Erfahrungen, welche die leidenschaftlich nach Gerechtigkeit hungernde Seele des jungen Pharisäers unter dem Joch des Gesetzes gemacht hatte; wir hören das Echo seiner damaligen Seufzer noch nach Jahrzehnten in den Briefen des Bekehrten: als Fluch hatte er die furchtbare Erkenntnis! erlebt, daß es auch dem ernstesten und gerade dem ernstesten Gewissen unmöglich sei, das ganze Gesetz wirklich zu halten.
Positiv ist die Bekehrung gewiß vorbereitet einmal durch die prophetische Innerlichkeit, die aus der alten Offenbarung auch auf den Juden Paulus gewirkt hatte, sodann aber durch eine relativ starke Berührung mit echter Jesusüberlieferung und auch Jesuswirkung in den Persönlichkeiten der von Paulus verfolgten Jesusbekenner. Eine persönliche Bekanntschaft des jungen Zeloten mit dem irdischen Jesus halte ich nicht für wahr- scheinlich, obwohl gewichtige Stimmen sich auch neuerdings für diese Hypothese erklärt haben?. Aber die Bekanntschaft des Pharisäers mit dem in seinen Worten und Jüngern weiterwirken- den Gegner ist unbedingt wahrscheinlich.
Und so trifft der Blitz von Damaskus nicht in einen leeren Raum, sondern er findet in der Seele des jungen Verfolgers Zündstoff genug. Wir sehen die Flamme emporlodern, und wir spüren die damals angezündete Glut noch ein Menschenalter später mit unveränderter Kraft in dem Altgewordenen: Christus ist in Paulus, Paulus in Christus.
1 Gal 310 und viele Seufzer des Römerbriefes.
2 Das Wort 2 Kor 516 ist anders zu verstehen; würde sich wir haben Christus ‚fleischlich (xata o«exe) gekannt auf persönliche Bekanntschaft mit dem irdischen Jesus beziehen, so wäre der Schluß jetzt kennen wir ihn nicht mehr so eine Tri- wialität.
6*
84 Die christozentrische Paulusfrömmigkeit als Gemeinschaft mit dem lebend. Christus.
Mit diesen zwei Worten haben wir das Geheimnis der ge- samten paulinischen Frömmigkeit nicht bloß erkannt, sondern auch mit paulinischen heiligen Formeln beschrieben:
Christus in Paulus,!, Paulus in Christus.
Daß die Paulusfrömmigkeit christozentrisch ist, ist wohl allgemein zugestanden; aber wie verschieden denkt man sich das christozentrische Paulus-Christentum! Oft hat man insbesondere das Christozentrische identifiziert mit dem Christologischen. Aber die Paulusfrömmigkeit ist christozentrisch in einem viel tieferen und viel realistischeren Sinne: sie ist nicht zunächst eine Lehre von Christus, sie ist eine Christus»Gemeinschaft«?. Paulus lebt »in« Christus, »in< dem lebendigen und gegenwärtigen pneu- matischen Christus, der ihn umwaltet, der ihn erfüllt, der mit ihm spricht, der in und aus ihm redet®. Christus ist für Paulus nicht eine Person der Vergangenheit, mit der er nur durch Be- trachtung seiner überlieferten Worte verkehrt, nicht eine »his- torisches Größe, sondern eine Realität und Macht der Gegen- wart, eine »Energie«’, deren Lebenskräfte täglich in ihm selbst sich auswirken®.
Diesen Christus des Apostels gilt es zunächst zu begreifen. Gewöhnlich wird das versucht unter dem Titel: »die Christo- logie« des Apostels Paulus. Aber zutreffender, weil historischer empfunden, ist die Fragestellung, die nach »Christuserfahrungen« des Apostels fragt, nach »Christuserlebnissen« oder »Christus- offenbarungen« Hier ist jede Versteinerung der ursprünglich und lebensvoll empfundenen Christusgemeinschaft zu einer . Doktrin über Christus vom Übel. Wir fragen: welchen Christus hat Paulus erfahren, erlebt? Die Antwort kann nur lauten: es ist der pneumatische lebendige Christus, dessen Paulus ge- wiß ist.
Diese Christusgewißheit ist jedoch verschieden gestimmt; in jedem Falle zwar steht der lebendige, auferweckte Christus im
! Gal 220 usw. 2 Zahlreiche Stellen.
® 1.Kor 19 1016 Phil 310. Der unnachahmlich plastische Ausdruck heißt xoıvovi«. * Gal 2%. 3521Kor. 129. 8.2.Kor:133,
?. Phil 321 Ko01.129 Eph 119.
8 2 Kor 129 Phil 310 1 Kor 124 54.
Christologie? Polarität d. Christusgewißheiten. Der erhöhte u. d. pneumat. Christus. 85
Mittelpunkte, aber man kann die Polarität zweier Hauptstim- mungen unterscheiden.
Einmal ist Christus dem Apostel der zum Vater »erhöhte«! Sohn Gottes, der in der Herrlichkeit beim Vater droben im Himmel »zur Rechten Gottes« weilt? und als Richter in Bälde zur Erde »kommt«3,
Doktrinär könnte man diese stark jüdisch gestimmte, be- sonders durch Psalm 110 beeinflußte Christusgewißheit die Ge- wißheit der Transzendenz Christi nennen. Paulinischer und deshalb auch historisch richtiger bezeichnet man sie als die Ge- wißheit des »erhöhten« Christus. Eigentümlich paulinisch ist ja dieses Wort »erhöht<4, und obwohl es der Dogmatik später sehr starke Anregungen gegeben hat, ist es von Hause aus kein dog- matischer Ausdruck, sondern eine schlicht volkstümliche religiöse Formulierung der Christusgewißheit.
Noch charakteristischer paulinisch ist die andere, mehr helle- nistisch-mystische Stimmung des Christuserlebnisses: der leben- dige Christus ist das Pneuma. Als Pneuma, als Geist, ist der Lebendige nicht fern über Wolken und Sternen, sondern er ist gegenwärlig auf der armen Erde,. er wohnt und waltet in den Seinen. Auch hier fehlt es nicht an Septuaginta-Anregungen,
und bedeutsame Formulierungen hat Paulus selbst geschaffen: Der Herr ist der Geist°, der letzte Adam ist geworden zum lebendigmachenden Geist®, wer mit dem Herrn zusammenhängt, ist ein Geist (mit ihm)?
und andere mehr. Wichtiger vielleicht noch als solche symbol- artigen Zeilen ist die Tatsache, daß Paulus von Christus und dem Geist an zahlreichen Stellen ganz gleichwertige Bekennt- nisse ablegt. Das ist besonders an der Parallelität der mysti- schen Formeln »in Christus« und »im (heiligen) Geist« zu beob-
! Phil 29 6 Jeog avrov vneoVpwoer.
2 (Nach LXX Ps 1101) Röm 834 Kol 31 Eph 120.
3 Vgl. die zahlreichen Parusie-Stellen der Paulusbriefe,
* Phil 29 (vgl. Joh 314 828 1234). Wie ein Programm der paulinisch-johanneischen »Christologie« klingt freilich schon LXX Jes 3310 vöv avaoınoougı, AEyEı xUOLOG, voV do&aogjoounı, vv vyagncoucı (Jetzt werde ich auferstehen, spricht der Herr, jetzt verklärt, jetzt erhöht werden).
5 2 Kor 317 ö d& zugLog To nveuud £orıy.
° 1 Kor 1545 &y&vero ... . € Eoyarog Adau eig nveuua Cwonoiovr.
" 1 Kor 617 0 d& zoAlwusvos tw xvolp Ev nveuua Eorıv.
86 »In Christus« u. »im Geist«. Die Christusnähe,
achten. Die bei Paulus nur neunzehnmal stehende Formel »im Geist« ist an fast allen diesen Stellen mit denselben spezifisch paulinischen Grundbegriffen verbunden, wie sonst die Formel »in Christus: Glaube!, Gerechtigkeit?, gerechtfertigt werden, sich befinden, stehend, sich freuen und Freude®, Gnaden- gabe’, Liebe®, Friede?, geheiligt!0,' versiegelt werden!!, be- schnitten werden und Beschneidung!2, bezeugen, reden!#, er- füllt werden®, ein Leib16, Gottestempel!? —, alles dies schaut und erlebt der Christ »in Christus«, aber auch »im Geist«; das heißt tatsächlich »in Christus, der der Geist ist. Darum sind auch die technischen Ausdrücke »Gottessohnsgemeinschaft« und »Geistesgemeinschaft« bei Paulus parallel!®$; denn immer han- delt es sich um dasselbe Erlebnis, mag Paulus sagen, Christus lebe in ihm!9, oder der Geist wohne in uns?, und mag er von dem fürbittenden Eintreten Christi für uns beim Vater?! reden. oder von der Gebetshilfe des Geistes.
Doktrinär könnte man dieses Christuserlebnis des Apostels das Erlebnis der Immanenz Christi nennen; paulinischer und deshalb auch historisch richtiger ist es, von dem Erlebnis des Pneuma-Christus zu sprechen.
Diese Gewißheit der Christusnähe ist bei Paulus viel häu- figer als der Blick empor zu dem weit Entrückten, in den Himmel »Erhöhten«.
Christus in mir —
das ist recht eigentlich das aus tiefster Seele strömende Be- kenntnis einer die Tiefen des Ich durchleuchtenden und durch-
waltenden Gewißheit. Dieser Gewißheit entspricht die andere: ich in Christus,
I Gal 326 usw.: 1 Kor 129. 2 2 Kor 521 usw.: Röm 1417.
3 Gal 217: 1 Kor 611. 4 1 Kor 130 usw.: Röm 89.
5 Phil 41 usw.: Phil 127. $ Phil 31 usw.: Röm 1417.
7 Röm 623: 1 Kor 129, 8 Röm 839 usw.: Kol 18.
9 Phil 47: Röm 1417. .. 10° 1 Kor 12: Röm 1516 usw.
#1 Eph 113 usw.: Eph 430. 12 Kol 211: Röm 2%.
13 Eph 417: Röm 91. 14 2 Kor 217 usw.: 1 Kor 123.
15 Kol 110: Eph Bis. 16 Röm 125: 1 Kor 1213.
17 Eph 221: Eph 222. 18 1 Kor 19: 2 Kor 1313 Phil 21.
19 Gal 220 vgl. 2 Kor 135 Röm 810. 20 Röm 89 1 Kor 316 619. ?! Röm 834f.
22 Röm 826ff. Bei Johannes, der den Geist (Joh 1416. 26 1526 167) und Jesus Christus (1 Joh 21) Fürsprech (napdxıntog) nennt, ist diese große paulinische Ge- wißheit noch plastischer herausgearbeitet als im Römerbrief.
Die Pauluslosung »in Christus«. Das Wesen des pneumatischen Christus. 87
Christus ist Pneuma; deshalb kann Er in Paulus und Paulus in Ihm leben. Wie die Lebensluft, die wir einatmen, »in« uns ist und uns erfüllt, und wir doch zugleich »in« dieser Luft leben und atmen, so ist es auch mit der Christusgemeinschaft des Apostels Paulus: Christus in ihm, er in Christus. Dieses ur- paulinische Losungswort »in Christus« ist plastisch mystisch ge- dacht, gerade so wie auch das Analogon »Christus in mir«. 164 mal kommt die Formel »in Christus« (oder »im Herrn« u. a.) bei Paulus vor: wirklich das Kennwort seines Christentums. Viel verkannt von den Exegeten, rationalisiert, auf den »historischen« Jesus bezogen und dadurch abgeschwächt, oft auch ignoriert, muß diese dem Bekenntnis »im Geist« sachlich so nahestehende Formel erfaßt werden als der eigentümlich paulinische Aus- druck der denkbar innigsten Gemeinschaft des Christen mit dem lebendigen pneumatischen Christus!.
Verwandt, wenn auch nicht identisch, ist die ebenfalls oft verkannte Formel »durch Christus, die in den bei weitem meisten Fällen auch auf den pneumatischen Christus zu be- ziehen ist2.
Man wird nun fragen dürfen: wie hat Paulus sich diesen Pneuma-Christus vorgestellt? Die Antwort ist abhängig von der Art, wie man das Pneuma bei Paulus definiert. Da empfiehlt es sich, von dem scharfen Gegensatz auszugehen, in dem das Pneuma immer zur »Sarx«, zum Fleisch steht: Pneuma ist jeden- falls etwas nicht Sarkisches3, nicht Irdisches#, nicht Materielles. Zwar der Pneuma-Christus hat ein »Soma«, einen Leib, aber eben eine pneumatische>, das heißt himmlische®, aus göttlichem Lichtglanz bestehende Leiblichkeit?. Die scharfe, philosophisch gefeilte Definition des Begriffes »pneumatisch« fehlt zum Glück bei Paulus; der Apostel bleibt volkstümlich und antik plastisch in seiner Formulierung, er hat wohl an eine lichte äthe- rische Existenzform gedacht, wie er sie auch Gott wohl zu-
1 Vgl. hierzu und zu diesem ganzen Kapitel meine Schrift: Die neutestament- liche Formel »in Christo Jesu«, Marburg 1892.
2 Vgl. ADOLPH SCHETTLER Die paulinische Formel »Durch Christuss, Tübingen 1907. 3 Klassisch ist 1 Kor 1535ff.
4 1 Kor 1547ff. 5 1 Kor 1545f. 6 1 Kor 1547Äf,
7 Phil 321.
88 Das Fehlen von Definitionen. Der technische Wortschatz d. paulin. Christusmystik.
eignet. Aber die bindende Definition fehlt; wir haben, wenn wir etwa die Christusgedanken des Apostels in unser religiöses Denken hineinverpflanzen wollen, den weitesten Spielraum. Für Paulus ist das Pneuma, ist Gott, ist der lebendige Christus eine Realität, ja die Realität der Realitäten; er hat darum nicht erst lange über Definitionen gebrütet. Der Geist, der in Paulus lebendig ist, ergründet alles, auch die Tiefen Gottes!, aber er ergrübelt keine Definitionen Gottes. Religiöse Definitionen sind immer Rettungsversuche.
Paulus würde, wenn er definiert hätte, als antiker Mensch definiert haben, realistischer, massiver und konkreter als ein spekulativer Denker unserer Zeit, aber jedenfalls nicht mate- rialistisch. Das Pneuma hat nichts Sarkisches, nichts Irdisches; es ist göttlich, himmlisch, ewig, heilig, lebendig und lebendig- machend, — das alles sind Prädikate, die Paulus ihm gibt oder ihm geben könnte, und sie alle lassen sich auch auf den pneu- matischen Christus beziehen.
Was Paulus formell neu geschaffen oder doch in die Christusmystik. eingeführt hat, sind nicht Definitionen, sondern ein reicher Schatz technischer Wendungen, die, oft in volks- tümlichen Bildworten, die pneumatische Gemeinschaft zwischen Christus und den Seinen zum Ausdruck bringen. Die nicht unwichtige Aufgabe einer Reproduktion dieser paulinisch-tech- nischen Sprache, von der wir einige Einzelheiten gestreift haben, ist noch nicht im Zusammenhange gelöst, und sie kann hier bloß als Aufgabe erwähnt werden; wer sie lösen will, muß in Luft und Sprache der Mystik des Ostens und des Westens zu Hause sein.
Die Frage, wodurch nach Paulus die Christusgemeinschaft hergestellt wird, beantwortet sich aus den Andeutungen, die wir über die Bekehrung des Paulus gegeben haben: Gott ist es, der die Gemeinschaft mit Christus herstellt?. Nicht, als hätte jeder Christ das gleiche Erlebnis einer Damaskusstunde,
' 1 Kor 210.
2 1 Kor 19.30 2 Kor 121f. 46. Hierher gehören auch alle Stellen, in denen Paulus von unserer Erwählung und Berufung durch Gott spricht, und die nicht zu einem be- sonderen Lehrstück isoliert werden dürfen.
Die Christusgemeinschaft als Gabe Gottes. Taufe u. Abendmahl nicht magisch. 89
aber jeder, der den lebendigen Christus oder den Geist besitzt, hat ihn von Gott selbst erhalten, oder ist von Christus selbst »ergriffen«!. Zahlreich sind namentlich die Stellen?, in denen Gott als der Spender des Geistes gepriesen wird.
Für nicht richtig halte ich die Behauptung, daß bei Paulus die Taufe den Zugang zu Christus vermittele. Es gibt Stellen, die, isoliert, dafür geltend gemacht werden könnten?, aber es ist doch wohl richtiger zu sagen: die Taufe ist nicht die Her- stellung, sondern die Versiegelung der Christusgemeinschaft. Bei Paulus selbst war jedenfalls nicht die Taufe das Entschei- dende gewesen, sondern die Christophanie von Damaskus; und nicht das Taufen, sondern das Evangelisieren hat er für seine Sendung gehalten‘ Auch das Abendmahl ist für ihn nicht die reale Ursache der Gemeinschaft mit Christus, sondern eine Äußerung der Gemeinschaft; es ist ein besonders inniger Kon- takt mit dem Herrn5. Das Abendmahl stellt die Gemeinschaft nicht her, sondern es stellt sie dar. Als magisch wirkend sind dabei weder Taufe noch Abendmahl gedacht®. Entscheidend ist in jedem Falle Gottes Gnade. Mit Paulus?” können die Paulus-Christen sprechen:
Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin.
So urwüchsig kraftvoll das pneumatische Christuserlebnis des Paulus auch ist, es fehlt doch bei ihm nicht an Anregungen, die auf ihn eingewirkt haben, hauptsächlich aus der Septuaginta- frömmigkeit. Das griechische Alte Testament hat, und darin offenbart sich wohl auch eine wichtige Hellenisierung der Vor- lage, eine größere Anzahl von prominenten Stellen, in denen die Formeln »in Gott« oder »im Herrn« im mystischen Sinne ge- braucht werden. Das Prophetenwort8
Ich aber werde im Herrn jauchzen klingt wie das Präludium des paulinischen Jubilate>
Freuet euch im Herrn !
1 Phil 312. 2 Gal46 Röm 55 815 1 Kor 619 212. 3 zZ. B. Gal 327. 41 Kor 117. 5 1 Kor 1016. 6 1 Kor 101—13. 7 1 Kor 1510 gagını d& Yeod eiul 0 eluı.
8 LXX Hab 318 &yo d& &v To zvolw ayaklıdoouaı. ® Phil 31 44 yuigere Ev zvolw.
90 Septuaginta-Anregungen. Hellenistisches, Verkennung u. Verständnis d. paul. Mystik.
und die namentlich in den Septuagintapsalmen häufige Formel »in Gott« ist bei Paulus sehr beliebt! und steht auch mit der Formel »in Christus verbunden?. Das Bekenntnis der Areo- pag-Rede® In Ihm [Gott] leben, weben und sind wir
stammt aus der durch die Septuaginta inspirierten vorchrist- lichen Mystik des Paulus; die Losung des Christen Paulus >in Christus« ist der plastischere Ersatz der alten heiligen Formel.
Von einem hellenistischen Einschlag darf man hier wohl reden, wenn man sich an die Bedeutung der von ihrem Gott erfüllten und in ihrem Gott kraftbegabten Inspirierten in der griechischen Mystik erinnert“ Und in den großen Zusammen- hang der Mystik überhaupt hineingestellt, gewinnt die paulini- sche Frömmigkeit ihre eigentliche religionsgeschichtliche Si- gnatur: sie ist Christusmystik.
Als wir vor einem Vierteljahrhundert in den deutschen Hörsälen studierten, hatte sich, von der Dogmatik her, eine schwere Hand ausgestreckt und die Mystik gebannt; unter dieser Hand hat auch die Paulusforschung gelitten. Die wenigen Forscher, die uns damals das Mystische in Paulus betonten, hätten sich auf Lehrer berufen können, die größer sind als ALBRECHT RırschL: Luther und Calvin haben die Christusmystik des Apostels kongenial verstanden, und weiter zurückgehend finden wir auch in der alten Kirche insbesondere bei den grie- chischen Vätern den wirklichen Paulus lebendig. Das gewal- tigste Denkmal echtesten Verständnisses der Paulusmystik aber sind Evangelium und Briefe des Johannes; ihr Logos-Christus ist der Pneuma-Christus, den der von dem irdischen Jesus. und von Paulus gleichermaßen inspirierte Evangelist in schwerer Kampfeszeit noch einmal Fleisch werden läßt für die Gemeinde der Heiligen.
Daß Paulus gerade durch seine Christusmystik welthistorisch wirksam geworden ist, unterliegt keinem Zweifel. Der pneu- matische Christus vermochte, was ein dogmatischer Messias
1 1 Thess 22 Röm 217 511 Kol 33 Eph 39. ? 1 Thess 11 2 Thess 11.
$% AGesch 1728 &» auto yao Lousv xal xıvolusda xal Lauer.
4 Wertvolles Material gibt jetzt R. REITZENSTEIN Die hellenistischen Mysterien- religionen, Leipzig und Berlin 1910.
Welthistorische Bedeutung der Christusmystik. Das Mystische u. das Ethische. 01
nicht vermocht hätte. Der dogmatische Messias der Juden ist an seine Heimat gekettet. Der pneumatische Christus konnte wandern; er konnte, vom Osten kommend, im Westen heimisch werden, und er konnte, dem Wechsel der Jahrhunderte trotzend, über jede Generation die Arme ausbreiten:
der Geist weht, wo er will!.
Diese Wirkung ins Große hätte Paulus freilich nicht ge- habt, wenn ihm die Gluten des Mystischen das Ethische ver- zehrt hätten. Aber das Ethos hat bei ihm die Feuerprobe be- standen. Die paulinische Christusgemeinschaft ist keine magische Verwandlung, und sie ist auch kein Rausch von Verzückten, aus welchem gähnende Faulenzer aufwachen. Paulus selbst hat die Ekstase dem Ethos untergeordnet?. Die Christusmystik ist bei ihm mehr Glut als flackernde Flamme. Der von Christus »Ergriffene< spricht voll Demut?:
Nicht daß ich "schon ergriffen hätte... .!
Aber er bekenfit auch heroisch t:
Alles vermag ich in Dem, der mich mit Kraft erfüllt.
Ebenso hat auch die Heiligen der Paulusgemeinden die Gabe des Geistes vor gewaltige Aufgaben gestellt: sie, die »‚Christum angezogen haben«5, sollen ihn täglich aufs neue an- ziehen®, und »in« diesem Christus hat nur der Glaube Geltung, der seine Energie erweist durch die Liebe”.
Schauen wir zurück! Christus der Lebendige, erhöht beim Vater, aber auch als Pneuma in Paulus und Paulus in Ihm, durch Gottes Gnade, — das ist die Christusgewißheit und das Christuserlebnis des Apostels Paulus. Für die doktrinäre Be- trachtung hat der »Paulinismus« an diesem Punkte eine »Anti- nomie« durch den »Dualismuss der Transzendenz und der Imma- nenz Christi. Aber tatsächlich sehen wir zwei Stimmungen des frommen Paulus, die in seiner weiten Seele nebeneinander mög- lich sind. So wenig stellen sie einen inneren Widerspruch dar,
1 Joh 38, 2 1 Kor 131—3.
3 Phil 312ff. ovx örı ndn &aßov .
4 Phil 413 navra loxliw Ev To Erdvvauoürri ue. 5 Gal 327. 6 Röm 1314.
7 Gal 56 nlorıg di ayanng Evepyovusvn.
92 Die prophetische Spannung der religiösen Psyche des Paulus.
wie die Erlebnisse des transzendenten und des immanenten Gottes, die jeder Gläubige kennt. Die Polarität dieser beiden Stimmungen -gibt vielmehr dem inneren Leben des Apostels seine prophetische Spannung.
In einer Fülle großer Einzelgewißheiten, Einzelerlebnisse und Einzelbekenntnisse löst sich diese Spannung aus.
6. Der Christ Paulus.
Der Gottesglaube in Christus als das Heilserlebnis. Seine Einheit und die Mannigfaltigkeit seiner Ausdrucksformen.
Mit der Gewißheit von Damaskus »Christus in mir« und der inhaltlich gleichen Gewißheit »ich in Christus« ist in der tiefen und religiös überaus sensiblen Seele des Bekehrten eine un- erschöpfliche religiöse Energie konzentriert, und nach allen Seiten hin strahlt Paulus nun die »Christuskraft«! aus, die ihn durchwaltet, spendet er den »Christusreichtum«?, den »Christus- segen«® und die »Christusfülle«4, die ihm geworden sind.
Mit einem wohlbekannten religiös-technischen Worte hat Paulus diese reiche, ihn durchströmende und aus ihm heraus- wirkende »Christuskraft« bezeichnet, mit dem griechischen Begriff pistis, den wir durch »Glaube« zu übersetzen gewöhnt sind.
Einer der am häufigsten behandelten paulinischen »Begriffe«, kann der Glaube des Apostels doch wohl noch schärfer formu- liert werden, als es zumeist üblich ist. Meistens definiert man den Glauben bei Paulus als den Glauben »an« Christus, wobei man die nicht seltene Genetivverbindung »Glaube Christi Jesu«5 und die präpositionalen Wendungen »Glaube in Christus Jesus«® und »glauben in Christus Jesus«? identifiziert mit dem Glauben »an« Christus. |
1 2 Kor 129 7 duvauıg tov Xeuoror, vgl. 1 Kor 54.
?2 Eph 38 to nAovrog rov Aoıorov, vgl. 27.
3 Röm 1529 ei}oyla Xouorov.
4 Eph 413 zö nAnowua tod Xgıorov.
5 niorıg Xoıorov ’Inoov Gal 216. 20. 322 Eph 312 Phil 39 Röm 322. %.
6 zilorıg &v Xoworo 'Incov Gal 326 56 Kol 14 25 Eph 115 I Tim 114 313 2 Tim 113 315. e ‚I nıorevei eis Xoıorov "Inooiv Gal 216 Phil 129 (Eph 113), vgl. auch »Gläubige in Christus« nıorol &v Xeıor& Incov Eph 11 Kol 12.
94 Der »Glaube in Christus« und der »Glaube Christi Jesu«. Genetivus mysticus.
Ich halte das für eine Verwischung paulinischer Eigenart an einem der wichtigsten Punkte. Der Glaube ist bei Paulus Glaube »in« Christus, d. h. der Glaube ist etwas, was in der Lebensverbindung mit dem pneumatischen Christus sich voll- zieht. Das ist der Sinn jener Stellen, an denen Paulus die Prä- position »in«! mit den Wörtern »Glaube«, »gläubig- und »glauben« verbindet, und auch der Stellen, an denen jene Genetivverbindung vorkommt.
Es ist noch nicht allgemein erkannt, daß Paulus den Gene- tivus »Jesu Christi« überhaupt sehr eigenartig gebraucht. Wir haben zahlreiche Stellen, an denen man mit den üblichen gram- matischen Schemata »Genetivus subiectivus« oder »Genetivus obiectivus« bei Paulus nicht auskommt. Die spätere Gräzität (und Latinität) hat auch sonst einen mitunter merkwürdigen Genetivgebrauch, zum Teil durch das Fortleben eines sehr alten Typus. So könnte man auch bei Paulus einen eigenen Genetiv- typus konstatieren und vielleicht »Genetivus mysticus« nennen, weil er auf die mystische Gemeinschaft hinweist: »Jesu Christi« ist hier in der Hauptsache identisch mit »in Christus«.
Der »Glaube Christi Jesu« ist der »Glaube in Christus«3, und zahlreiche andere religiöse Kernbegriffe sind ebenso mit dem mystischen Genetiv verbunden, was in der deutschen Sprache am besten durch ein zusammengesetztes Hauptwort nachahm- bar ist. Neben dem »Christusglauben« stehen bei Paulus die »Christusliebe<*, die »Christushoffnung«5, der »Christusfriede«6, die »Christussanftmut«”, die »Christusbarmherzigkeit«!, die »Christusgeduld«9, der »Christusgehorsam«10, die «Christuswahr- heit«ll, die »Christusfurcht«12, die »Christusbeschneidung<3, die
! &v oder &ic. Der Unterschied fzwischen beiden ist im Volksgriechischen nicht groß. i
2 Eine Arbeit von OTTO Scharrz wird die ganze Sache aber zur Diskussion stellen.
3 Vgl. die Stellen oben S. 93.
* 2 Kor 514 Eph 319 Röm 835 7 ayann tod Xeusroo.
5 1 Thess 13 7) &Anig Tod xvglov nuav "Inood Xewsrov.
6 Kol 315 7 &dorvn toü Xouorov.
? 2 Kor 101 7 ngaVrng xal tmusixsin Tod Xouoro.
® Phil 18 ta onAayyva Xoworod 'Inoov.
® 2 Thess 35 7 vnouovn tod Xoioroo. 1% 2 Kor 105 7 Unaxon tod Koıorov.
112 Kor 1110 @An$eıa Xoıortov. 12 Eph 521 p0ßog Xouorov, vgl. 2 Kor 511.
13 Kol 3411 7 negıroun tod Xoustov.
Der »in Christus« wieder ermöglichte »Abrahamsglaube« an Gott. 95
»Christusleiden «l, die »Christustrübsale«?2 und andere ähn- liche technische Ausdrücke mehr3. Überall ist dabei voraus- gesetzt, daß diese einzelnen Erlebnisse oder seelischen Bestimmt- heiten des Christen in der mystisch-pneumatischen Gemeinschaft mit Christus stattfinden.
So ist auch der »Christusglaube« der in der Gemeinschaft mit dem pneumatischen Christus lebendige Glaube, und zwar der Glaube »an«* Gott, inhaltlich identisch mit dem Glauben, den in der heiligen Vorzeit Abraham hatte, also unbedingtes Vertrauen auf den lebendigen Gott trotz aller Verlockungen zum Zweifel. Dieser durch sein Dennoch! heroische »Abrahams- glaube«®, den das Gesetz nachmals unmöglich gemacht hatte®, ist uns in Christus wieder möglich und wieder wirklich geworden. Losgelöst von Christus, sagt Paulus einmal, ist man im Kosmos ohne Gott”; in der Verbindung mit Christus hat man den Mut des Zutrittes zu Gott.8 - Der Glaube des Paulus ist also die in der Gemeinschaft mit Christus hergestellte Verbindung mit Gott, die ein uner- schütterliches Abrahamsvertrauen auf die Gnade Gottes ist.
Und nun gilt es, diesen »Christusglauben« des Apostels als das Kraftzentrum zu erkennen, von dem die vielen Einzelbekennt- nisse über das Heil in Christus ausstrahlen. Mit einem andern Bilde gesprochen: wir müssen die in den Bekenntnissen der Paulusbriefe vorliegende reiche Mannigfaltigkeit paulinischer Heilserfahrung und Heilsbezeugung als die Brechungen des einen Lichtstrahls »Christusglaube« zu begreifen suchen.
An diesem Punkte liegt meines Erachtens das bedeutendste
1 2 Kor 15 Phil 310 z« nasgruore Tov Xoıcrov.
® Koll24 ai YAiweıs Too Xoıorod. Über diese beiden letzten Ausdrücke vgl. ARNOLD STEUBING Der paulinische Begriff »Christusleiden«, Diss. Heidelberg, Darm- stadt 1905.
3 Vgl. z. B. die oben S. 93 notierten Begriffe »Christuskraft«, »Christusreich- tum«, »Christussegen«, »Christusfülle«.
4 Dieses »an« (2) ist bei Paulus fast immer mit »Gott« verbunden Röm 45. 24 933 1011; nur 1 Tim 116 mit »Christus«.
5 Röm 412. 16 niorıg Aßoaau. 6 Gal 312. 2.
7 Eph 2i27te . . . zweis Kaiwrod . .». . . d9E0L Ev TO x00um.
8 Eph 312 &v © &yousv ımv naggmolav xal noooeywynv &v nenodmosı did Tg niorewg avrod.
96 Dogmatische Isolierung und Stilisierung. Mannigfaltigkeit der Spiegelung.
Problem der Paulusforschung, soweit sie den inneren Paulus betrifft; und in der Erkenntnis der seelischen Synonymität der paulinischen Heilsbezeugungen deutet sich die Lösung des Pro- blems an.
In der älteren Paulusforschung war es meistens üblich, die sogenannten »Begriffe« der Rechtfertigung, der Erlösung, der Versöhnung, der Vergebung usw. zunächst zu isolieren und aus diesen isolierten und dadurch theologisierten »Begriffen« dann das »System« des »Paulinismus« zu rekonstruieren. Bei den einen sah dann der Paulinismus aus wie ein Dreieck, bei den anderen wie ein Quadrat oder ein Sechseck; jedenfalls erschien er stark geometrisch und abgemessen stilisiert.
Bei unserer Auffassung sehen wir zwar auch gerade Linien, aber sie schließen sich nicht zu Figuren zusammen, sondern sie gehen von dem einen Lichtpunkte des Christuserlebnisses strahlenförmig nach allen Seiten aus, unbegrenzt und unmeßbar.
Es war das Ergebnis jener isolierenden und dogmalisieren- den Methode, daß der »Paulinismus« so hart und so kalt, so reflektiert und scholastisch, so eckig und so kompliziert und so schwer assimilierbar aussah und daß um des Paulinismus willen "Paulus Manchen als der böse Dämon des Christentums erschien.
Aber wenn man vonderhistorischen Wirkung auf die Eigenart schließen darf, so wird man sagen dürfen: die Christusbotschaft, die im Zeitalter der Cäsaren der Zeltmacher von Tarsus den einfachen Leuten der hellenistischen Großstädte gepredigt hat, muß einfach gewesen sein, jedenfalls den Einfachen verständ- lich, volkstümlich hinreißend und begeisternd. Und es gibt einen Weg, die volkstümliche Einfachheit des paulinischen Evangeli- ums auch heute zu erkennen. Man muß nur Ernst machen mit der Beobachtung, daß es sich in den zahllossen unsystematisch aufeinanderfolgenden Christuskonfessionen des Briefschreibers nicht um eine Mannigfaltigkeit der vielen Objekte handelt, sondern um eine Manmnigfaltigkeit der psychologischen Spiege- lung des einen Objekts der Frömmigkeit, von welchem Paulus in immer neuer Variation der sinnverwandten Bildworte, oft auch im Parallelismus des prophetischen Pathos, Zeugnis ablegt. Und es gilt, die Bildlichkeit, die antik volkstümliche Bildlichkeit dieser Zeugnisse zu erfassen.
Die wichtigsten Synonyma. Der Angeklagte u. seine Rechtfertigung. 97
Wir wollen bloß diejenigen Paulusbilder für das Heil in Christus herausgreifen, die am meisten von der Paulinismus- forschung vergewaltigt worden sind; es gibt noch andere Syno- nyma, aber die folgenden fünf sind die wichtigsten: Rechtferti- gung, Versöhnung, Vergebung, Erlösung, Sohnesannahme.
Durch die ungeheure Wirkung, die diese klassischen Worte nachmals auf die Dogmatik ausgeübt haben, sind sie im Laufe der Jahrhunderte selbst mit einer so starken dogmatischen Patina bedeckt worden, daß es heute vielen schwer fällt, ihren Ursinn zu erkennen. Aber dem prädogmatischen antiken einfachen Menschen ist der Ursinn deutlich gewesen.
In allen diesen fünf Bildworten steht der Mensch vor Gott, jedesmal in einer anderen Rolle vor demselben Gott: einmal als Angeklagter, das andere Mal als Feind, das dritte Mal als Schuldner, das vierte und fünfte Mal als Sklave.
Als Angeklagter! steht der Mensch vor Gottes Richterstuhl in dem gewaltigen religiösen Bilderkomplexe, der sich um das Urwort»Rechtfertigung« schließt und seinen psychologischen Aus- gangspunkt hat in der altjüdischen und altapostolischen Erwartung des Endgerichts. In Christus wird dieser Angeklagte zum Nicht- angeklagten?; nicht die Verurteilung?,. sondern die Befreiung? wirdihm zuteil. »Freisprechung«, das ist der Sinn der paulinischen Rechtfertigung, und die »in Christus« erfahrene Freisprechung deckt sich mit der Rechtfertigung aus dem Glauben«$ oder »durch den Glauben«”, weil ja der Glaube die Verbindung mit Christus ist3.
Die Rechtfertigung »aus« dem Glauben oder »durchs den Glauben bei Paulus ist häufig mißverstanden worden und wird häufig vom vulgären Protestantismus auch heute mißverstanden, etwa so: die Rechtfertigung gilt als die Belohnung der Glaubens-
1 Röm 833 zig &yxartosı xara Exiextwv HEoö;
2 1 Kor 18 Kol 122 aveyzAntovc.
> Röm 81 oddtv doa vov xardxgıua tois &v Kguoro "Inoov.
4“ Röm 82 ö ydo vouog Tod nvsuuarog us Gans &v XKouoro Imoov mAsvdE- 0woEV GE and Tod vouov tig aungriag xal Tod Yavarov.
5 Gal 217 2 Kor 521 Röm 324 833 Phil 39.
6 Gal 216 38. 2455 Röm 326. 30 51 930 106.
7 Röm 322. 28. 30. » Vgl. oben S. 95.
Deissmann Paulus.
98 Die Rechtfertigung »aus« dem Glauben. Glaubensleistung und Anrechnung?
leistung des Menschen durch Gott. Paulus selbst hat zu diesem Mißverständnis vielleicht die Veranlassung gegeben durch die starke Verwertung eines Septuagintawortes! über den Abrahams- glauben, besonders im vierten Kapitel des Römerbriefes ?: die
Wendung in diesem Zitat es wurde der Glaube angerechnet ®
unterstützt jene mechanische Auffassung.
Aber man darf diese Stelle nicht isolieren, und erst recht verbietet es sich, »anrechnen« als das charakteristische Recht- fertigungswort zu betrachten. Paulus steht mit dem Worte van- rechnen« unter dem Zwange der Formulierung des Zitats. Sieht man auf das Ganze der paulinischen Bekenntnisse vom Glauben und von der Gerechtigkeit, so ist zu sagen: der Glaube ist bei Paulus nichtfjmenschliche Leistung vor Gott, sondern göttliche Wirkung auf den Menschen in Christus, und die Rechtfertigung »aus« dem Glauben oder »durch« den Glauben ist tatsächlich Recht- fertigung »im« Glauben“, Rechtfertigung »in Christus«°, Recht- fertigung »in dem Namen Jesu Christi«®6, Rechtfertigung »im Blute Christie”. Der Glaube ist nicht die Vorbedingung der Rechtfertigung, er ist das Erlebnis der Rechtfertigung.
Gerechtfertigt in Christus, hat der Gläubige »Gottesgerechtig- keit« in Christus®: mit diesem häufigen technischen Ausdruck, der einmal durch die Wendung »Gerechtigkeit von Gott here! er- setzt wird, bezeichnet Paulus den uns in Christus von Gott aus Gnade verliehenen normalen Zustand. Daß es sich aber nicht um eine magische Verwandlung handelt, zeigt das Wort des Galaterbriefes!!, das von einem »Warten« auf die erhoffte Ge- rechtigkeit spricht: vor Allen liegt das Endgericht, das die de-
\ LXX 1 Mose 156 (in der Zitatform des Paulus) &nlorevoev dt "Aßgaau zo Heo xol EAoylodn avıy Eis dızauoovvnv. r
? Röm 43f. 9f. 22ff. vgl. auch Gal 36. 3 eAoylosn.
* Die Formel »im Glauben« (Ev niorsı) ist bei Paulus häufig gebraucht Gal 2% 1 Kor 1613 2 Kor 135 Kol 27, noch öfter-in den Pastoralbriefen. Daß sie, soweit ich sehe, mit »rechtfertigen« in den Briefen nicht verbunden ist, ist Zufall. Die Kontrastformel »im Gesetz« (ev you) ist damit verbunden Gal 311 54.
5 Gal 217. 6 1 Kor 611. ? Röm 59 (vgl. dazu unten S, 117).
® 2 Kor 521 dixauoavvn 9eod &v avıo.
° 2 Kor 521 Röm 117 (nicht 35) 321. 22. 25. 26 103,
'0 Phil 39 ınv &x Yeo0 dızauoavvnr.
1 Gal 55 nusig ydo nveiuanı dx niorewc &Anide dıxaoavvng anexdsxousde.
Spannung der Rechtfertigungsgewißheit. Der Feind und seine Versöhnung. 99
finitive Rechtfertigung erst bringen wird. Der Gerechtfertigte ist also kein fertiger Gerechter, er hat noch ein Gerechtigkeits- ziel vor sich. Auch im Rechtfertigungsgedanken des Apostels zeigt sich die eigenartig dynamische Spannung zwischen dem Be- wußtsein des gegenwärtigen Besitzes und der Erwartung des künftigen Vollbesitzes.
Als Feind! steht der Mensch vor Gott in dem zweiten Bilder- komplex, der sich um den Begriff »Versöhnung« lagert, und wir haben an dem Eheproblem, das die Trennung und Wiederver- söhnung zweier Gatten behandelt2, das menschliche Paradigma für das Verständnis dieses Bildes. Als Feind ist der Mensch Gott entfremdet und von Gott getrennt?; durch Christus werden wir mit Gott wiederversöhnt*. Nicht etwa Gott wird versöhnt, sondern Gott ist es?®, der uns in Christus umwandelt aus Feinden zu Versöhnten. Darum haben wir »durch Christus Frieden mit Gott«6 oder »in Christus Gottesfrieden«?, oder, womit alles ge- sagt ist3:
Christus ist unser Friede.
Es ist ganz deutlich, daß der oft so stark dogmatisierte »Be- griff« der Versöhnung bei Paulus sich inhaltlich völlig mit dem undogmatischen Begriff »Frieden« deckt9.
Als Schuldner10 steht der Mensch vor Gott in dem dritten Bilderkreise, mit dem der Apostel deutlich anknüpft an die alt- evangelische!! Wertung der Sünde als einer Schuld. In Christus erlebt der Schuldner den Erlaß der Schuld 12; denn Gott schenkt uns in Christus die durch unsere Übertretungen entstandene Schuld in Gnaden!3. »Erlaß«, das ist der Sinn des Wortes »Ver-
1 Röm 510 Kol 121 24900: vgl. Röm 87 Ey$ou eig Yeov. 2 1 Kor 711.
3 Kol 121 annAkoreıwugvovg, Eph 213 0X note Övreg uazxgav.
* 2 Kor 5isff. Röm 510. 5 2 Kor 5ısff. Kol 120.
° Röm 51 elonvnv Eyxousv noög rov 9Eeov dıa Tod zvglovnumv'Inood Koıoroi. 7 Phil 47 7 eloyvn tod 9800... . &v Xouoro, vgl. Joh 1633 »Friede in mire«. 8 Eph 214 auröc yao Eorıv 7 eionvn num.
% Vgl. besonders Röm 51 verglichen mit 511.
10 Vgl. Kol 214 TO xa9 nu@v xEı00y00RYoV. 11 Matth 612 Luk 114.
T
2 Kol 114 &v © &yousv . . mv apsoıw Tov üuagprıov, Eph 17 &v d &xouev.... nv dypsoıv TOV NEVanTWuaTwv. G [4 . ’ x ’ 13 Kol 213 yaoıoaUEvog nulv TTavTa Ta NROANTWOURTO.
-
Wr
100 Der Schuldner u: der Schulderlaß. Der Sklave u. seine Freikaufung.
gebung«, undich glaube nicht, daß zwischen den zwei griechischer Wörtern, die Paulus hier gebraucht!, ein großer Unterschied besteht. Wer einmal eine der zahlreichen auf Papyrus erhal- tenen antiken Schuldhandschriften gesehen hat, wird das durch Paulus eigenartig ausgeführte Bild von der am Kreuze ange- nagelten, vorher ausgelöschten und dadurch annullierten Schuld- handschrift?2 als ein besonders volkstümliches begreifen.
Und nun der wichtige, dem Apostel offenbar besonders wert- volle und liebe Bilderkreis, der sich um das Wort »Erlösunge zieht. Er ist wohl am häufigsten mißverstanden worden; aber er kann, wenn man ihn in seinem Zusammenhang mit der Kultur der antiken Umwelt des Paulus betrachtet, in seiner Einfach- heit und Wucht nicht verkannt werden. Für uns nicht ohne weiteres verständlich, istdieser Bilderkreis für dieantiken Christen ohne jede Schwierigkeit gewesen, weil er anknüpft an die ge- meinantike soziale Institution der Sklaverei. Als Sklave steht hier der Mensch vor Gott, und es sind verschiedene Mächte, die bei Paulus als die »Herren« des unfreien Menschen gedacht sind: die Sünde?, das Gesetz*, die Götzen?, die Menschen®, der Tod (die Vergänglichkeit)”. In Christus erlangt der Sklave die: Freiheit®. Diese Befreiung des Sklaven in Christus? liegt auch in dem Worte »Erlösung«!0 angedeutet: wie die Recht- fertigung die Freisprechung des Angeklagten ist, so ist die Er-. lösung die Freikaufung des Sklaven. Es ist nicht unwahr- scheinlich, daß Paulus an ein Jesuswort!! anknüpft, auf das er
wohl auch sonst!2 anspielt: j der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um [als Sklave] zu dienen und seine Seele als Loskaufgeld für viele: [Sklaven] ‚hinzugeben.
Die stärksten Anregungen zur Ausgestaltung des Bilder--
1 &peoıs Kol 114 Eph 17 und n«osoıc Röm 325. Röm 66. 17. 19. 20 Tit}33. H Gal 417 51. 7 Kol 214.
5 Gal 48.9. 9717 Kor723. 7 Röm 820.
® Gal 24 ımv Eievdeglav juov 79 Exousev &v Xoro Imooi, vgl. Gal dt Joh 836. ® Röm 324 Kol 114 Eph 11.
10 gnokvrewoıs 1 Kor 130 Röm 324 823 Kol 114 Eph 17.14 430.
‘! Mark 1045 = Matth 2028 zei yao 6 viog Toü avdowmov 0'x 7A9Ev dinzovn- Yıjvaı, ara diexovjocı xal doüvan Tv wuyiv alrod Avrgov avıl nolkor.
'2 Phil 27 uogpnv dovkov Aaßav »er nahm Sklavengestalt an«.
Die antike sakrale Sklavenbefreiung. Formeln der Freilassungsinschriften. 101
kreises von der Loskaufung gab aber der in der antiken ‘Welt weitverbreitete (auch im hellenistischen Judentum und nachmals sogar im Christentum nachwirkende) Brauch der sakralen Sklavenbefreiung, den wir namentlich durch die In- schriften wieder kennen gelernt haben!. Bei den verschiedenen Rechtsformen, unter denen in der Zeit des Paulus die Frei- lassung eines Sklaven erfolgen konnte, finden wir den feierlichen Ritus des Ankaufs eines Sklaven durch eine Gottheit. Der seit- herige Herr kommt mit dem Sklaven in den Tempel, verkauft ihn dort dem Gotte und erhält aus der Tempelkasse den Kauf- preis, den der Sklave dort vorher aus seinen Ersparnissen hinterlegt hat. Dadurch wird der Sklave Eigentum des Gottes, den Menschen gegenüber aber ist er ein Freier.
Von hier aus werden die im ersten Korintherbriefe zwei- mal? gebrauchten Worte
um einen Preis seid ihr erkauft
und der Satz des Galaterbriefes?, Christus solle die, die unter dem Gesetze sind, loskaufen, plastisch und verständlich, namentlich wenn man sieht, daß Paulus bestimmte Formeln der Frei- lassungsinschriften benutzt, und wenn man bedenkt, daß unter den Menschen, an die Paulus schreibt, Sklaven waren, denen jene Rechtsform natürlich aufs genaueste bekannt war. Durch Christus (oder »in«* Christus, wie »im« Tempel des Gottes) be- freit, sind die seitherigen Sündensklaven, Gesetzessklaven usw. nunmehr Christussklaven, Eigentum Christi$, Leibeigene Christi”, aber sonst Freie®, die nicht wieder Sklaven werden dürfen®.
Dieselbe Polarität des gegenwärtigen Besitzes und des künftigen Vollbesitzes, die wir bei der Rechtfertigungsgewißheit des Apostels fanden!P, läßt sich übrigens auch beim Erlösungs- gedanken feststellen: die schon Erlösten »warten« doch noch
i Eingehende Nachweise Licht vom Osten S. 240ff. 2 1 Kor 6% 723 tung nyogdogmre.
3 Gal 45 {va todg Uno vouov L&ayoouon, vgl. 313. 4 Gal 24.
5 Gal 110 Eph 66 u. a. Stellen.
6 Gal 329 524 1 Kor 112 323 1523 2 Kor 107.
7 1 Kor 1227 usw. 8 Gal 51.13,
9 Gal 24 51 1 Kor 723. 1 Oben S. 99.
102 Spannung des Erlösungsgedankens. Der Sklave u. seine Adoption.
auf »die Erlösung des Leibes«!, der »Tag der Erlösung« liegt noch vor ihnen?.
Aus Sklaven werden wir in Christus Freie. Wie wenig sich Paulus aber mit diesem Bildworte dogmatisch bindet, zeigt die Tatsache, daß er das Bild vom Sklaven gelegentlich auch an- ders kontrastiert: wir werden in Christus aus Sklaven »Söhne Gottes«3, Diesen Kontrast führt Paulus unter Benutzung des antiken Rechtsbegriffes der Annahme an Sohnes Stattaus. Durch zahlreiche Inschriften haben wir nicht nur das von Paulus hier benutzte Wort? belegen können, sondern auch gelernt, wie häufig die Adoption in der hellenistischen Welt damals ge- wesen ist, und wie volkstümlich verständlich daher das von dem Apostel gebrauchte Bild gewesen sein muß. Insbesondere gilt das von den innerhalb dieses Bilderkreises heimatberech- tigten, von Paulus bei den Septuaginta5 und in den Worten Jesu6 bereits vorgefundenen Einzelgedanken, daß Gott zu unseren Gunsten ein »Testament«? errichtet habe, und daß wir also ein »Erbteil«® zu erwarten haben:
Sind wir denn Kinder, So sind wir auch Erben, Erben Gottes,
Miterben Christi,
Wie klar und trostreich klingen diese Klänge und die ver- wandten anderen!
Du bist nicht mehr Sklave, sondern Sohn ! Wenn aber Sohn, dann auch Erbe durch Gott —
n Röm 823 nueig xal avrol Ev Eavroig orevabousv vioFEciav ENEXÜEXOUEVOL, Tv aNOAUTEWOLW TOD OWURTOg Numv.
2 Eph 430 sic nusoav anoAvrowoswg.
3 vioi Yso0 Gal 45f. 326 Röm 814.
4 vio$sol« = Adoption Gal45 Röm 815.23 Eph 15. Die antiken Belege Neue Bibelstudien S. 66f.
5 Sehr häufig.
6 Vgl. besonders die Abendmahlsworte im Lichte von Luk 2229.
? Juan Gal 315ff. 424 1 Kor 1125 2 Kor 36.
® xAmoovouia Gal 318 A1ff. Kol 324 Eph 114.18 55 u. a.
® Röm 817 gl d& tExvo, zul xAnoovöuoı” xAngovouoL'usv Jeoü, 0vyxAngovouor de Xororov.
10 Gal 47 wore ovxerı el dovAog, AAAK vioc. El dE viog, zal xAnpovouog dın YEoV.
Spannung des Adoptionsgedankens. Synmonymität der Bildworte. 103
in das Herz des antiken Menschen, der aus der Rechtspraxis seiner Umwelt das Testament kennt, in dem der Testator jemanden als Sohn adoptiert und zum Erben einsetzt!!
Dogmatisch erstarrt ist aber auch diese ganze Gedanken- reihe nicht: die Adoption durch Gott, die wir in Christus er- lebt haben, ist doch auch noch das Ziel unseres »Erwartens«?; . und von unserem »Erbteil« besitzen wir durch den heiligen Geist jetzt bloß ein »Angelde®.
Daß es sich bei allen diesen »Begriffen« der Rechtfertigung, Versöhnung, Vergebung, Erlösung, Kindesannahme nicht um isolierbare Akte einesDramas, sondern um synonyme Ausdrucks- formen für eine einzige Sache handelt, läßt sich an einer wieder- holt belegbaren Eigentümlichkeit des sakralen Pathos der Paulus- briefe zeigen. Der Apostel stellt gern den einen Begriff zum andern, um den einen durch den anderen zu erklären: die Adoption steht bei der Loskaufung?, ebenso werden die Recht- fertigung® und die Vergebung” durch die Loskaufung erläutert oder auch die Rechtfertigung durch die Vergebung®. Rheto- risch betrachtet vielleicht unerlaubte Katachresen, sind diese Häufungen der verschiedenen Bilder, vom Standpunkte des Volkspredigers aus beurteilt, gewiß recht wirkungsvoll gewesen. Die Paulusgemeinden jedenfalls haben Bekenntniszeilen wie den Satz des ersten Korintherbriefes?
Von Ihm her aber seid ihr in Christo Jesu, Der uns Weisheit ward von Gott her Und Gerechtigkeit und Heiligung und Loskaufung
nicht dogmatisch viviseziert, sondern wie den Jubel eines Psalmensängers mitempfunden. Bemerkenswert ist es übrigens, daß die sämtlichen eben-
1 Zu dieser antiken Testamentsform (Adoption durch Testament unter gleich- zeitiger Einsetzung zum Erben) vgl. F. SchuLin Das griechische Testament verglichen mit dem römischen, Progr. Basel 1882, besonders S. 15ff., auch 52.
2 Röm Sı5ff. &Außere nveiue viodeolag, &v & xoaGouev' ABPBE Ö narne.
3 Röm 823 viogeolav ansxdexousvor.
4 Eph 114 ög &orıv aogaßav ng xImgovouiag.
5 Gal 45 Röm 823. 6 Röm 324. 7 Kol 114 Eph 17.
8 Röm 46—8.
® 1 Kor 130 && avrov de Uueis Eort Ev Xouoro ’Imood, ög Eyevndn ooyla „ulv ano 9eod dızaloovvn TE xal ayıaouög xal anoAvTowaıg.
104 Die Harmonie der Heilsbezeugungen. Die neue Kreatur.
genannten fünf Bildergruppen der Sphäre des Rechtslebens ent- nommen sind; Paulus liebt ja auch sonst die juristischen Bilder, die sich dem Großstädter besonders leicht darbieten.
Dann hat man Paulus begriffen, wenn man alle diese ver- schiedenen Heilsbezeugungen als die Töne eines einzigen vollen Akkords zusammenhört in ihrer Harmonie. Vorher Angeklagter vor Gott, Feind Gottes, Schuldner, Sklave —, jetzt in Christus freigesprochen und freigekauft, schuldlos, Freund Gottes und Sohn Gottes, — wer das bekennt, bezeugt, daß er in Christus aus der »Gottesferne« in die »Gottesnähe«! gekommen ist. Die der exegetischen Zanktheologie unentbehrlichen scholastisch spitzen Fragestellungen : »wie verhält sich bei Paulus die Recht- fertigung zur Versöhnung? die Vergebung zur Erlösung?« zer- reißen die Saiten der Harfe und verschlingen sie zu einem unentwirrbaren Knäuel. Sie haben wohl keinen größeren Wert als die Fragen, wie sich ein Angeklagter zu einem Feind ver- halte oder ein Schuldner zu einem Sklaven, und sie können wohl Broschüren füllen und Kandidaten ängstigen, aber sie fördern unser Paulusverständnis nicht.
Fruchtbarer ist es, bei Paulus selbst nach Bekenntnissen zu suchen, in denen die Harmonie jenes Akkordes beschlossen ist, und da gibt es wohl keine reichere Zeile als den Triumph- ruf des zweiten Korintherbriefes?:
Ist man in Christus, so ist man eine neue Schöpfung.
Das ist das andere Kapitel der paulinischen Genesis, auf deren erstem Blatte jenes Aufblitzen des Lichtes von Damaskus geschrieben stand3. In Christus lebend, teilt Paulus sein Leben in zwei große Perioden‘, die des alten Paulus und die des neu- geschaffenen Paulus. Der »alte Mensch«5 hatte in anderen Sphären gelebt: »im« Fleisch®, »in« den Sünden”, »in« Adam®
\ Eph 213 vuwi dE Ev Xouoro ’Inoov vuels ol note Ovres uaxoav Eyevndnte Eyyos Ev To aluarı tod Xoıorod (zu dieser letzten Formel vgl. unten S. 117).
® 2 Kor 517 el tıg &v Kororg, zaıvn xtioıg, vgl. Gal 615.
3 2 Kor 46, vgl. oben S. 82. 4 2 Kor 517.
> Röm 66 Eph 422 6 nuaAnıög (numv) avgownoc.
6 Röm 75 88,9. ? 1 Kor 1517. ® 1 Kor 1522.
Los vom Fleisch, von der Sünde, von Adams Tod, vom Gesetz. 105
und seinem Todesschicksal, »im« Gesetz, »in« der Welt2, »in« den Leiden®, — der »neue Mensch«* steht in Christus innerhalb des heiligen Bezirks, in den alle jene düsteren alten Dinge
nicht hineinreichen:
Das Alte ist vergangen. Siehe, es ist neu geworden!
Das Fleisch hat keine Gewalt über den neuen Menschen, weil er es als Angehöriger Christi »gekreuzigt« hat®.
Als Neuschöpfung ist der Christ Paulus ebenso auch frei von der Sünde”. Er ist los von der Sünde. Aber ist er auch sündlos, auch unfähig zu sündigen ? Paulus könnte in der Theorie ge- wiß den Satz unterschreiben, der Christ sündige nicht8. Aber die furchtbaren Erfahrungen der Praxis würden ihn doch auch wieder bedenklich gemacht haben. Der Seelsorger Paulus ist nüchtern geblieben; die Freiheit von der Sünde ist nicht mechanisch-magisch gedacht: neben den zahllosen an Christen gerichteten ethischen Mahnungen zum Kampf gegen die Sünde stehen die Bekenntnisse des Christen Paulus selbst, besonders im Römerbrief9, Zeugnisse dafür, daß auch der Neugeschaffene noch Stunden des alten tiefen Sündengefühls kennt. Aber täglich neu wird ihm in Christus die Gnade Gottes zuteil, und täglich neu erlebt er die neuschaffende, schöpferische Wirkung dieser Gnade,
Auch der Adamsgemeinschaft, die eine Todesgemeinschaft ist!0, ist der neue Paulus ledig: er ist nicht mehr »in Adams, sondern »in Christus«, und in Christus hat er die Garantie, daß der Tod überwunden ist!!.
Eine Neuschöpfung ist der Christ Paulus aber auch deshalb, weil er in Christus frei ist vom Gesetz:
Christus ist des Gesetzes Ende !?,
1 Gal 54 Röm 319 212. 2 Eph 212. 3 2 Kor 64. 4 Kol 310 tov v&ov (dv$ownor).
5 2 Kor 517 za voxalie naonAdev' ldov yEyovev zuva.
6 Gal 524 oi d& tod Xoıorod tv 0«oxa Eoravgwoeav.
7” Röm 61—14. 8 Vgl. Röm 62. 6.11. 9 Namentlich Röm 7. 10 1 Kor 1522 Röm 512f.
11 1 Kor 1522 wonso yao Ev to ‘Adau navres unogvnoxovov, ovrag zul &v
to Xoro navres Gwonomdmoovrau. 12 Röm 104 T&Aog yao vouov Xousrcc.
106 Los vom Gesetz u. von der Welt. Triumphpsalm.
Der »Buchstabe« ist vom »Geist« überwunden!. Das Ge- setzesproblem ist dem alten Pharisäer ein besonders quälendes gewesen, und in den Briefen nimmt es durch die polemische Situation gegenüber den Judaisten einen breiten Raum ein.